Mutterglück – oder das alltägliche Karussell der Gefühle

Freitag, Mai 08, 2015



Regretting motherhood – die aktuelle Studie aus Israel scheint einen wunden Punkt unserer Gesellschaft getroffen zu haben, die zwei Lager geschaffen hat. Auf der einen Seite Worte der Bewunderung, für den Mut eine solch unangenehme und verstörende Wahrheit auszusprechen, auf der anderen Entsetzensschreie und Unverständnis für diese Einstellung. 

In der Tat ist es schwer zu begreifen, dass manche Frau ihre Mutterrolle als so enorme Belastung empfindet, dass sie sich wünscht, niemals ein Kind in die Welt gesetzt zu haben. Wie kann man das eigne Kind verleugnen und sich „wegwünschen“? Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, denn meine Tochter ist ein so wichtiger Teil von meinem Leben geworden, dass ich es mir ohne sie nicht mehr vorstellen mag. Ihr Eintritt in unser Leben veränderte ALLES.
Wirklich alles, denn unser neues Leben hat sehr wenig mit unserem alten gemein. Die Nächte sind kürzer und auch die Tage verfliegen im Nu. Nur ein Drittel des gesetzten Tagespensum werden erledigt, Wäsche bleibt liegen, Unordnung herrscht im Haushalt, obwohl man eigentlich „nur“ zuhause ist, scheinen die Aufgaben des Alltags immer mehr und in der dafür vorgesehenen Zeit unmöglich zu erfüllen. Müdigkeit und Augenringe werden zu ständigen Begleitern. Feiern bis in die Morgenstunden sind vorbei und plötzlich versteht man die Sorgen und Nöte anderer Eltern, man gehört automatisch zu diesem seltsamen „Club“ mit dem man vorher nichts gemeinsam hatte. Gesellschaftliche Veranstaltungen werden sorgfältig ausgewählt und man hat nie den Eindruck wirklich etwas Wichtiges zu verpassen.  Selbstverständlich stößt man immer wieder an die eigenen Grenzen und merkt, dass man einfach nicht allem gerecht werden kann, sondern Prioritäten setzen und Abstriche machen muss. 

Obwohl ich mein Kind über alles liebe, existieren auch bei mir diese Tage, an denen mir alles zu viel ist, ich keine Energie und Kraft habe und am liebsten mich einfach nur mal richtig ausschlafen würde. Und dennoch gibt mir meine Tochter wiederum auch die Kraft über mich selbst hinauszuwachsen und jeden Tag aufs Neue positiv zu starten und mich an ihr zu erfreuen, an ihrem Wachsen und Gedeihen.

Die in der Studie beschriebenen Gefühle scheinen mir unbegreiflich, aber kann man den Frauen einen Vorwurf machen, wenn sie den Mut haben etwas so schmerzliches auszusprechen? Würden sie selbst mit aller Wahrscheinlichkeit nicht alles versuchen, nicht so zu empfinden? Denn trotz aller Zweifel möchte ich ihnen nicht unterstellen, dass sie ihr Kind nicht lieben. Woher rühren diese Emotionen, wie konnte es soweit kommen? Sollten wir unseren Kindern nicht jeden Tag unentwegt das Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Sicherheit vermitteln? Mutterliebe betritt eine ganz andere Dimension als die partnerschaftliche, sie ist zu 100% bedingungs- und selbstlos. 

Die Forschungsergebnisse spiegeln Empfindungen von Frauen wieder, die dem selbstauferlegtem Druck des Frauenbildes, welches unsere Gesellschaft vermittelt, nicht standgehalten haben. Es ist nicht verwunderlich, dass man einfach alles nicht unter einen Hut bringen kann. Die Emanzipation hat uns viele Türen geöffnet, und das ist gut und richtig so, allerdings sind wir keine überirdischen und unfehlbaren Wesen. Das moderne Frauenbild vereint das der Karrierefrau, der Sexgöttin und zugleich der perfekten Hausfrau und Mutter, die alles mit Bravur meistert und sich immer und immer wieder aufs Neue beweist. Und genau das kann nicht funktionieren. Ja, es ist richtig und unser gutes Recht Karriere zu machen, selbständig und selbstbewusst zu sein! Die Crux liegt allerdings darin, dass man seine eigenen Grenzen kennen und akzeptieren muss und vor allem dass man sich nicht einer abstrakten von der Gesellschaft aufgezwungenen Vorstellung zu beugen sucht. Man muss auch Hilfe annehmen können und sich nicht nur von Pflichten erdrücken lassen. Das Leben ist zu schön und leider zu kurz, um es unter Stress und Qual zu verbringen.  Das Essentielle ist, dass man mit sich im Reinen ist und sich selbst Raum gibt, sich zu entfalten. Nur wenn man die schönen Dinge noch genießen kann und mit sich im Einklang ist, kann man gelassener mit dem Alltagstress umgehen. 

Ich habe gelernt, dass Geschirr und Bügelwäsche eben warten können, denn auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Es ist viel wichtiger, dass meine Partnerschaft gepflegt und gehegt wird, denn wir sind nicht nur Eltern sondern vor allem Liebende. Und unser Kind soll dies auch spüren, ein liebevolles, behütetes Umfeld in dem sich die Eltern respektieren und schönes miteinander und gemeinsam erleben. Natürlich gehört unsere kleine Maus dazu, sie ist der Mittelpunkt geworden, aber wir dürfen uns selbst nicht aus den Augen verlieren. Das bedeutet eben, dass man manchmal auch eine Auszeit braucht und sich für sich selbst Zeit nimmt. Zuzulassen, dass jemand einem unter die Arme greift, mal den Putzlappen schwingt, oder das schreiende Kind schaukelt, während man selbst vielleicht einfach nur durchatmet und kurz Luft holt.



Auch die Arbeit und die damit verbundene Karriere können Freude machen, wenn wir uns mit ihnen identifizieren, sie dürfen nur nicht Überhand gewinnen, indem sie als Zwang und Druck empfunden werden. Meine Tochter ist das Beste was ich hervorgebracht habe, und sie soll eine zufriedene und ausgeglichene Mama haben, damit auch sie glücklich sein kann. Die Gefahr an Karriere und Familie zu zerbrechen ist da, man muss sie erkennen und ihr entgegenwirken. 
 



Die in der veröffentlichten Studie zum Ausdruck gebrachten Gefühle zeigen Frauen, die am selbst auferlegten Druck, den das Frauenbild unserer Gesellschaft propagiert, zerbrochen sind. Sie verdeutlichen, dass etwas in die Schieflage geraten ist, weil man eben nicht allem gleichermaßen gerecht werden kann. Ein Kind fordert viel und wir sollten alles geben, damit es zu einem guten und selbstbewussten Menschen heranwächst. Dies kann nur geschehen, wenn wir mit gutem Vorbild vorangehen und versuchen die Schwierigkeiten des Alltags mit Gelassenheit zu meistern, uns selbst wertschätzen und lieben und vor allem auch Hilfe von außen zulassen. Wenn man selbst keine Familie und Freunde hat, die einem unter die Arme greifen können, gibt es in vielen Städten Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Das Wellcome-Projekt (www.wellcome-online.de)  z.B. hilft Müttern unabhängig von ihrem Einkommen und ihrem sozialen Umfeld. 

Es gilt alles das zu tun, damit unsere Kinder behütet und glücklich aufwachsen und dazu gehört auch, dass wir unsere Grenzen erkennen und lernen Prioritäten zu setzten. Das Schöne an der Emanzipation ist, dass uns alle Möglichkeiten offen stehen, es gilt jedoch uns selbst zu hinterfragen, was wir wirklich wollen und wie wir uns selbst definieren. Das von der Gesellschaft projizierte Frauenbild der Überfrau kann nicht mit der Realität konform gehen. In allem was wir tun, dürfen wir nicht die Freude am Leben verlieren. Der Schlüssel zum Glück ruht in uns selbst, wir müssen nur die Tür zu unserem Herzen öffnen. Perfektion mag für manch einen erstrebenswert sein, aber seien wir mal ehrlich: Es sind vor allem die Ecken und Kanten, die uns ausmachen und uns definieren. Fehler und Unzulänglichkeiten gehören zum Leben dazu, man muss sie hinnehmen und akzeptieren und vor allem aus ihnen lernen und sie nicht allzu ernst nehmen. Ein Lächeln auf den Lippen kann manchmal Tore öffnen, seien es die zu unseren Mitmenschen oder die zu uns selbst.


Alles Liebe
Anna

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