Auskotzen oder Runterschlucken?

Freitag, Oktober 09, 2015




Provokation schockiert, begeistert, eckt an, polarisiert. Auf jeden Fall entfacht sie ihre Wirkung, wie obige Überschrift. Die Neugier ist geweckt, man bleibt "hängen". 
Auf diesem Prinzip fußen auch die Bücher von Charlotte Roche. Peinlichkeiten garniert mit jeder Menge Ausdrücken aus der Fäkalsprache erreichen ein millionenweites Publikum. Die Quote passt. 
Auch Frau Roches neustes Werk geht seinen gewohnten Gang, basiert auf bekannte erfolgsorientierte Schemata. In "Mädchen für alles" tauchen wir in die Welt einer gelangweilten Mutter ein. Diese engagiert ein gutaussehendes Kindermädchen, beansprucht es jedoch letzten Endes für sich alleine, bandelt mit ihr an, versucht sie zu verführen, aus Angst, ihr Mann könnte ihr zuvorkommen.

Komische Geschichte, wie ich finde. Über das Buch möchte und kann ich keine Bewertung abgeben, ich habe es weder gelesen, noch habe ich es vor. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Frau Roche nicht mag, ich kenne sie nicht. Aber ich finde einfach keinen literarischen Mehrwert in ihren mit Kraftausdrücken gespickten Geschichten. Frau Roche ist professionell genug, um damit fertigzuwerden ;-)

Nun gut, das Buch ist Geschmackssache, weder dazu noch zur Autorin möchte ich ein Urteil fällen. Über Frau Roches Motivation und Intention dieses zu schreiben allerdings schon.

Am 5. Oktober zierte pünktlich zum Erscheinungstermin des neuen Werkes ein Interview mit der Autorin den Feuilletonteil der Online-Ausgabe der FAZ. Frau Roche gab Einblicke zum Besten, über sich selbst und natürlich über das neue Buch. Alles schön und gut. Auf die Frage, ob es sich bei dem Roman um eine Krankengeschichte handle, da die Hauptprotagonistin, weder mit Kind noch Mann kommuniziere, gab Frau Roche folgende Antwort:

"Es war mir wichtig, eine Freiheit und einen Witz darin zu finden, über das Muttersein abzukotzen, weil es immer so glorifiziert wird gerade in Deutschland, das ja wohl international der Spitzenreiter der Mutterseinverherrlichung ist. Wenn es darum geht, ist immer alles so schwer, so festgelegt und so heilig. Und ich kenne so viele Mütter, die sich oft gegenseitig vorspielen, wie irre toll es ist, Kinder zu haben." *

Frau Roches Thesen wiegen schwer:
These 1.) Das Muttersein wird glorifiziert und verherrlicht, besonders in Deutschland.
These 2.) Viele Mütter spielen nur vor, es sei schön, Mutter zu sein. In Wahrheit finden sie es - um Frau Roches Jargon treu zu bleiben - wohl eher nicht so toll.

Aha! Also, ich weiß nicht so recht, wo denn diese Verherrlichung des Mutterseins in Deutschland stattfindet. In den Medien? In unserer Gesellschaft? Was meint denn Frau Roche nun genau? 

Frauen gebären immer später, weil Ausbildung, Studium und Beruf es oft früher nicht zulassen. Der Spagat zwischen Karriere und Familie ist schwierig; Mütter, die sich entscheiden, beruflich zurückzustecken, um sich auf die Familie zu konzentrieren, werden oft müde belächelt oder hart kritisiert. Ja, die können es sich ja leisten; Kommentare, die ich schon oft gehört habe. Wenn dem so ist, wo ist denn da bitteschön das Problem? Ist doch schön für die Betreffenden. Auf der anderen Seite werden Frauen, die versuchen Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen auch nicht sonderlich gewürdigt. Das ist schade.

Vielmehr gilt in Deutschland eher die Devise, sich über alles Mögliche auszulassen, bzw. wie Frau Roche so treffend formuliert: "Abzukotzen". Zu allem und jedem gibt es eine Meinung, wehe dem der nicht auf Spur ist. Stillen/Nichtstillen, Gläschen/Selbstkochen, Familienbett/Auslagern, Tragen/Schieben, Zucker/kein Zucker, Brei/BLW.... .

In diesem Punkt muss ich Frau Roche Recht geben, auf diesem Gebiet ist alles "so schwer, so festgelegt und so heilig".*

Ich kann es nicht mehr hören, diese immerwährende Besserwisserei, alles bewerten, alles kritisieren. Wieso kann man nicht entspannt an solche Thematiken rangehen, jede Mutter selbst entscheiden lassen, was für sie und ihr Kind das beste ist?

Genau dieses ständige "Auskotzen" anderer ist wirklich irre anstrengend, manchmal ist es einfach besser, seine Meinung für sich zu behalten. Wer sind denn diese Superexpertenmamis, die anscheinend die Weisheit mit Löffeln gefressen haben?
Ich weiß längst nicht alles, woher auch. Aber ich habe ein Gespür für mein Kind, was ihm gut tut. Darauf sollten wir vertrauen. Meine Routine muss deshalb noch lange nicht für andere Mütter passen. Wir sind eben alle unterschiedlich, und keine Roboter, die nach Schema F funktionieren. Ein Hoch auf die Vielfältigkeit!

Auch Frau Roches zweite Behauptung, viele Mütter gaukeln anderen Müttern vor, wie toll es ist, Kinder zu haben, hinterlässt bei mir ein großes Fragezeichen.

Im Umkehrschluss bedeutet das im Grunde, dass es ganz und gar nicht so toll ist Kinder zu haben, dass viele Frauen, diesen Umstand doch eher als lästig empfinden. Ist das wirklich so? Klar, das Muttersein ist nicht immer rosig, so schön es auch ist, stößt man oft an seine Grenzen, weil man einfach viel leisten muss, wenig oder kaum Ruhepausen hat und rund um die Uhr im Einsatz ist.

Kinder fordern viel. Aber das zuzugeben, ist keine Schande. Ich tue nicht nur so als sei meine Tochter toll, für mich ist sie das! Meine Liebe ist nicht vorgespielt.

Als Nichtmutter sind solche Empfindungen vielleicht nicht nachvollziehbar, aber das müssen sie auch gar nicht sein. Diese Gefühlswelt ist für mich ebenfalls neu, denn auch ich war nicht immer Mutter. Ohne Kinder hat man  eben andere Prioritäten, die ebenfalls genauso ihre Berechtigung und Legitimität finden.

Ich wünsche mir mehr Toleranz im Umgang mit unseren Mitmenschen und ihren Lebensweisen. Frau Roche polarisiert, ihre Thesen sollen klar provozieren, sie überzeichnen und überspitzen die Thematik, ihre künstlerische Freiheit darf sie wie sie möchte ausschöpfen. Dennoch ist es vielleicht manchmal besser runterzuschlucken, anstatt in der Öffentlichkeit standartisierte Klischees zum besten zu geben.  Schweigen ist eben manchmal doch Gold wert.

In diesen Sinne, fröhliches Schweigen allerseits!

Alles Liebe
Anna



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