"Drama, Baby, Drama" oder "Lektionen in B(r)eikost für Unbeholfene"

Mittwoch, Oktober 14, 2015




Ach, was hab ich mich gefreut, auf Babys ersten Brei. Habe Karotten geputzt, geschnibbelt, gegart und mit ganz viel Liebe puriert. Habe unser Mäuschen feierlich auf den Sitzverkleinerer des Hochstuhls positioniert, das Lätzchen umgebunden, Breichen ins Schüsselchen fein angerührt, erwartungsvoll Löffelchen zum Mund geführt und .... Entsetzensschreie geerntet. 

Tränen und Gebrüll, als wollte ich mein Kind vergiften. Tja, war wohl nix. Ich war enttäuscht, das Baby verstört. Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis ich sie von diesem Lebensmittelschock beruhigen konnte. Nun gut, dachte ich, vielleicht war es etwas zu früh mit knapp fünf Monaten. Also habe ich das Projekt Brei ersteinmal auf Eis gelegt und weitere drei Wochen gewartet.

Der zweite Versuch war ebenfalls ernüchternd. Zwar kein Gebrüll, aber entgleiste Gesichtszüge des Ekels beim Baby, empörtes Rumfuchteln der Arme, Mund wie zugenäht. Drei Löffelchen selbstgekochten Kartoffel-Karottenbrei habe ich mit viel Mühe in Babys Mund befördern können. 

Mit dieser Renitenz hatte ich nicht gerechnet und es stand auch in keinem Babybuch. Freund Google war zur Stelle. In diversen Foren stand, man dürfte nicht aufgeben, tapfer weiter machen. O.K.!

Ich versuchte alles: Vom Selbstgekochten bis zum Bio-Gläschen und schließlich auch die "bösen" konventionellen Breie aus dem Handel. Nichts schmeckte. Jede Mahlzeit ein Eiertanz. 

Kennt ihr das? Diese Szene in den Westernfilmen, in denen sich die zwei Cowboys gegenüber stehen und mit starren, kämpferischen Blick sich tief und herausfordernd in die Augen schauen? Steppenroller ziehen vorbei, eine zarte Brise schneidet die vor Spannung aufgeheizte Stimmung? Genau so saßen uns meine Tochter und ich gegenüber bevor die Breischlacht eröffnet wurde.

Mama zückte als erste den Löffel, machte sich zum Affen, sang, tanzte und zog Grimassen, um Baby ein Lächeln oder gar Lachen zu entlocken, um dann blitzschnell die Gunst der Stunde zu nutzen und zack - Löffel nebst Brei in den Mund zu bugsieren. Die Hälfte davon landete quer verteilt über Baby, Mama und Küchenboden. Breiregen überall. 

Wie der Duracellhase versuchte ich unentwegt jeden Tag aufs Neue mein Glück bis schließlich die Menge auf ein handelsübliches Gläschen von ca. 200g den Weg Wohl oder Übel nebst starken Verlusten ins Babys Mund fand.

Meine Nerven waren nach der ein Stunden Prozedur ziemlich mitgenommen. Töchterlein fand hingegen langsam Amusement an der Veranstaltung und fühlte sich gut unterhalten. Alle Register habe ich gezogen: Drei Löffel Gemüse gefolgt von einem Löffelchen Frucht; nur Frucht; nur Gemüse. Ein Löffelchen für Mama, ein Löffelchen für das Baby.

Geholfen hat das alles nichts. Ihren Brei zu essen, um sie zu animieren, konnte nicht die Lösung sein. Aufgeben wollte ich nicht. Denn mein großes Ziel ist, mit ca. einem Jahr abzustillen. 

Normalerweise gab es den Mittagsbrei zwischen 12 und 13 Uhr. Eines Tages hatte ich keine Energie mehr. Ich ließ sie gewähren und brach die Prozedur der Raubtierfütterung ab, wechselte stattdessen zu Spiel und Spaß bis plötzlich schlagartig gegen halb drei Uhr mittags die Laune kollosal kippte.

Unmut machte sich breit, naaaa, wenn das nicht die Folgen eines leeren Magens sind, freute ich mich spitzbübig. Also ab wieder in den Hochstuhl, Breichen aufgetaut und siehe da, ohhhh Wunder: Der Mund ging auf, Brei ohne Mucken gegessen. Nicht mit Begeisterung, aber gegessen. 

Seit jenem glorreichen Tage, richte ich mich, was die Mahlzeiten angeht, nach dem Biorhythmus meiner Tochter. Denn nur so isst sie ohne Widerwillen und ich bilde mir ein, mit einem kleinen Funken Elan. Nur ein ganz kleiner Funke, aber immerhin. Meine Tochter ist immer noch keine gute Esserin, sie ist wählerisch und irgendwie sehr penibel. Von mir hat sie das nicht, ich esse alles, Hauptsache Essen :-). Da kommt sie eher nach dem Papa. 

Zu Beginn haben wir uns beide gequält bis die ganze Portion leer war, davon bin ich mittlerweile abgekommen. Das natürliche Sättigungsgefühl will ich nicht zerstören. Ebenso wie ich mich nach ihrem Hungergefühl richte, so achte ich auch darauf, dass ich aufhöre, wenn sie satt ist. Noch ist beim Baby alles unverfälscht, die Konditionierung zum Essen kommt leider noch früh genug. Wir sind jetzt ein ganz gutes Team und über Tag muss ich kaum noch stillen, dafür nun mehr in der Nacht. 

Mittlerweile haben wir jetzt mit sieben Monaten auch den Abendbrei eingeführt, den mag sie viel lieber. 

Auch wenn meine Methode recht unkonventionell ist, für uns funktioniert sie ganz gut. Ich probiere eben in mehreren Anläufen, bis sie wirklichen Hunger verspürt. 

Falls jemand noch andere Vorschläge, Tipps und Tricks hat, ich freue mich über jede Anregung und auf Eure Erfahrungen!


Alles Liebe
                 Anna



Kommentare:

  1. Das erinnert mich doch entfernt an: "BLW- Baby Led Weaning, oder: Brokko-Li-Weitwurf" : http://mamatanzt.com/2013/11/28/blw-baby-led-weaning-oder-brokko-li-weitwurf/ Ich bin für unkonventionelle Anläufe! :) Knicks: Anne

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    1. Liebe Anne, ich habe gerade Deinen Post gelesen und Tränen gelacht! Dein Artikel ist einfach herrlich. Ich empfinde gegenüber der BLW-Bewegung auch gewisse Berührungsängste und zwar genau aus der Befürchtung heraus, die von Dir beschriebenen Erfahrungen zu machen. Aber da mein Kind weder für Brei noch für andere Nahrungsmittel reges Interesse zeigt, muss ich diesen Trend vielleicht auch nicht mitmachen. Aber jedem das Seine :-) Es lebe die Vielfalt! Ich habe Dir ein Herz geschenkt!

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  2. Hallo Anna,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und habe mich gleich mal etwas durchgelesen :)
    Das Thema Brei beschäftigt mich mittlerweile auch, ich stecke allerdings noch in den "Vorbereitungen", denn etwas warten wollte ich noch. Gut, dass ich deinen Post jetzt schon einmal gelesen habe, denn dann weiß ich, worauf ich mich einzustellen habe ;) Sehr schön geschrieben übrigens, Kompliment! :)

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    1. Oh, vielen lieben Dank, für das nette Kompliment! Ich wünsche Dir auf jeden Fall ein essfreudigeres Kind als meines :-) Vor allem muss das nicht immer zutreffen, ich kenne viele Babys, die essen mit Begeisterung. Es sind eben kleine, eigene Persönlichkeiten! Man sollte vielleicht die eigene Erwartungshaltung zu Anfang etwas runtersetzen. Viel Freude wünsche ich Dir bei den ersten Breiversuchen :-) Liebe Grüße Anna

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  3. Also unser erster Brei war auch kein Essen, sondern mehr eine Schlacht.
    Das wird schon noch.
    LG Anke

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