#Leitwölfe – warum das Familienrudel wichtig ist

Samstag, Februar 27, 2016




Jesper Juuls neues Buch Leitwölfe sein* ist in aller Munde. Der dänische Familientherapeut behandelt die Wichtigkeit kindlicher Führung seitens der Eltern, eine liebevolle jedoch autoritäre Erziehung bedeutet für ihn keinen Widerspruch sondern bildet in seinen Augen die Quintessenz  für einen pädagogisch korrekten Umgang mit dem Nachwuchs.  Mytoys ruft aus diesem Anlass zur Blogparade auf: Brauchen Kinder Leitwölfe oder sollte man ihnen die Möglichkeit der freien Entfaltung ohne Bevormundung der Eltern ermöglichen?


Eins steht fest, diese Frage hätten sich unsere Großeltern nicht gestellt. Antiautoritäre Erziehung ist eine Bewegung aus der Sturm und Drang Zeit der 60er und 70er Jahre. Dass diese nicht ganz den gewünschten Effekt der autonomen Kindesentwicklung hervorgebracht hat, zeigt alleine die Tatsache, dass Stimmen laut werden, die nun nach Führung verlangen. Juuls Buch gibt diesen Stimmen nun eine wissenschaftlich pädagogische Grundlage. Seine Hauptthesen lassen sich wie folgt zusammenfassen: 

Kinder brauchen Führung. 
Kinder brauchen Liebe. 
Kinder brauchen Aufmerksamkeit. 
Sie benötigen aber auch Grenzen, 
selbstbewusste und selbstbestimmte Eltern und auch 
einen normalen Alltag ohne Dauerbespaßung. 
 
Jedes Elternpaar hat eine bestimmte Vorstellung von Erziehung, die dann bei Widerstand gerne über den Haufen geworfen wird, damit einfach mal Ruhe einkehrt. Inkonsequenz ist oft ein großes Manko im Umgang mit dem Nachwuchs, die ich mir selbst auch mal auf die Fahne schreiben muss. Eigentlich wollte man das Kind in seinem Trotzverhalten nicht bestärken, aber dann lässt man sich doch dazu hinreisen es noch eine halbe Stunde länger spielen zu lassen, um das allabendliche Zubettgeh-Drama etwas hinauszuzögern. Oder es bekommt eben doch noch einen Keks, damit das Geschrei in der Öffentlichkeit aufhört, um den bösen Blicken der Passanten zu entfliehen, die dich anstarren als würdest du dein Kind misshandeln.  

Führung bedeutet für mich aber nicht eine völlige Kompromisslosigkeit, die auf Biegen und Brechen eingehalten werden muss, sondern im Großen und Ganzen aber eine gewisse Geradlinigkeit in unserer Erziehung. Und diese kann manchmal unangenehm sein, weil man sich in eine Konfliktsituation mit seinem Kind begibt, auf die man vielleicht gerade keine Lust oder gar keine Nerven hat. 

Es erscheint praktisch, die Verantwortung den Lehrern in die Schuhe zu schieben, die sind doch pädagogisch ausgebildet und doch dazu da unsere Kinder zu erziehen. Ich muss hier wirklich alle Lehrer in Schutz nehmen und eine Lanze für sie brechen, die müssen nämlich in der Regel das ausbaden, was manches Elternpaar versäumt hat. Erziehung ist nicht Aufgabe der Lehrer sondern zuallererst der Eltern. Wir sind dafür verantwortlich unsere Kinder so zu erziehen, damit sie sich als Erwachsene autonom in dieser Welt zurechtfinden. Lehrer können helfen, einen kleinen oder jungen Menschen dabei zu unterstützen, primär ist es allerdings unsere Aufgabe, wir sind dafür verantwortlich, was aus unseren Kindern wird. 

Kinder brauchen Leitwölfe, das steht für mich außer Frage. Warum? Weil sie eben keine Erwachsenen sind, sondern unselbständige, kleine Wesen, die man an die Hand nehmen und beschützen muss. Von wem sollen sie denn lernen, wenn nicht von uns Eltern? Man würde sein Kind doch niemals alleine eine Autobahn überqueren lassen, nur weil es das im Moment gerade möchte, oder? Ein Kind kann nicht die Konsequenzen seines Handelns voraussehen. Wir schon. Das unterscheidet uns von unseren Kindern: Unsere Lebenserfahrung. Als Elternwolf zeigt man dem Kind die Welt, versucht sie ihm zu erklären, man gibt ihm eine Orientierung vor, man hat ganz klar Vorbildfunktion.  Das bedeutet nicht, dass das man sein Kind dabei unterdrückt und ihm keine Freiheit zur Persönlichkeitsentfaltung gibt. 

Kinder merken sehr schnell, ob Eltern stark oder schwach sind. Sie nutzen Inkonsequenz gerne aus, um ihren Willen durchzusetzen. Damit hilft man einem Kind aber nicht, denn die Welt funktioniert so nicht. In unserer Gesellschaft gibt es Regeln, es gibt ein Benimm, sei es ein moralisches oder/ und ein hierarchisches. Niemand von uns würde doch vor seinem Vorgesetzten einen Tobsuchtsanfall bekommen, weil ihm die neue aufgetragene Aufgabe nicht gefällt, oder? Ohne Führung entsteht Unsicherheit oder genau das Gegenteil, maßlose Selbstüberschätzung, mit der man als Erwachsener dann zu Recht kommen muss. 

Ein Beispiel: Als ich an einer Bildungsinstitution angestellt war, nahm ich manchmal die Anmeldungen und Unterlagen der Kandidaten entgegen. Es ist mehr als einmal passiert, dass manches Wunderkind, das das Studium bravurös nur mit Bestnoten und Stipendien bewältigt hatte, in Verzweiflung ausgebrochen ist, weil es ein Formular vergessen oder nicht korrekt ausgefüllt hatte. Da standen also teilweise Mittzwanziger oder Dreißigjährige, die mit einer ganz einfachen, simplen Situation, die problemlos zu lösen war (nämlich das Formular einfach nachzureichen) komplett überfordert waren. 

Und nun schlage ich den Bogen zurück zu den Elternleitwölfen: Es ist unsere Aufgabe unsere Kinder auf diese Welt vorzubereiten. Dazu gehört, dass sie Grenzen aufgezeigt bekommen. Dazu gehört, dass sie auch ein NEIN akzeptieren lernen. Dazu gehört, dass man sein Kind lehrt, selbstständiges, lösungsorientiertes Denken an den Tag zu legen und ihm beibringt, seinem  Gefühl zu vertrauen, Empathie zu entwickeln. Denn auch Selbständigkeit entsteht durch Führung, ohne Richtlinien artet sie in Verwahrlosung, Unsicherheit und Chaos  aus.  

Werte, Traditionen sind wichtige Säulen unserer Gesellschaft. Lassen wir ein Kind jegliche Freiheit in der Erziehung, dann wird es als Erwachsener sehr schwer haben, sich zu orientieren. Kinder, Teenager, sie alle haben Vorbilder oder Idole, denen sie nacheifern. Das ist wichtig für ihre Entwicklung. Ein Kind fühlt sich bei seinen Eltern geborgen, weil es weiß, dass wir es lieben und beschützen. Und diese Liebe und dieser Schutz sollte auch in der Erziehung greifen.  Wenn wir führen, legen wir wichtige Grundsteine. 

Aber was bedeutet Führung? Ist sie nur mit Befehlen und strengen Richtlinien durchsetzbar? Nein, keinesfalls. Liebvolle Führung ist kein Widerspruch sondern ganz essentiell. Führung darf auf keinen Fall unterdrücken. Sie soll Halt geben. In einem Rudel aufzuwachsen ist wichtig für die Sozialkompetenz. So lernen Kinder sich in der Welt da draußen zurechtzufinden. Für mich stellt sich nicht die Frage ob Führung oder Kuschelkurs. Beide sind für mich durchaus vereinbar. Es gilt -wie bei allem im Leben- den goldenen Mittelweg zu finden. 

Das bedeutet nicht, dass wir als Eltern unfehlbar sind. Leitwolf sein ist anstrengend und so passiert es eben, dass wir auch mal nachgeben oder auch Fehler machen. Sich das einzugestehen, ist auch die Aufgabe eines Leitwolfes.  Auch das gehört dazu. Auch das ist Sozialkompetenz. 

Das Rudel muss mit seinem Konzept glücklich sein, es gibt nicht das Vorzeige-Erziehungsmodell. Es zählt in meinen Augen, dass alle Mitglieder sich wohl  und behütet fühlen: WOHLBEHÜTET eben. 

Leitwolf sein bedeutet  auch die Bedürfnisse seines Kindes zu verstehen und auf sie einzugehen. Sich auf sein Kind einlassen. Ein liebevolles, respektvolles Miteinander bildet dafür die Grundlage. Ohne wird es nicht funktionieren. Es liegt in unserer Kompetenz und Empathie zu entscheiden, wann eine gewisse Nachlässigkeit vertretbar ist. 

Für mich ist noch ein weiterer Aspekt von großer Wichtigkeit. Wir können nichts von unseren Kindern verlangen, was wir nicht selbst vorleben. Juul formuliert es ganz treffend: Wenn wir selbst mit uns hadern und unsicher sind, können wir keine Vorbildfunktion ausüben, dann können wir kein Leitwolf sein.

Führung und mangelndes Selbstvertrauen passen nicht zusammen. Es ist also wie bei allen Dingen: Wir müssen immer bei uns selbst anfangen, mit uns selbst im Reinen sein, damit wir dieses Selbstbewusstsein auf unsere Kinder übertragen können. 

Ganz schön schwierig was wir Eltern alles leisten müssen, oder? Aber wer hat schon behauptet, Eltern sein sei einfach ? ;-)

Wie seht ihr das? Brauchen Kinder Führung oder vertretet ihr eher die Devise der Selbstentfaltung?

Eure Anna




*Der Beitrag enthält einen Affiliate Link vom Amazon Partner Programm.

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