Altes Ich versus Mama-Ich: Eine Spurensuche

Freitag, März 11, 2016



Seit unsere Tochter unser Leben bereichert hat, sind viele Dinge nicht mehr wie sie zuvor waren. Abgesehen von unseren Lebensumständen, habe auch ich mich maßgeblich verändert. Ein Teil von mir gibt es nicht mehr, hat sich aufgelöst, ist nur noch eine blasse Erinnerung aus vergangenen Zeiten, die von Tag zu Tag schwindet. Es überkommt mich fast ein wenig Wehmut, wenn ich an mein altes Ich denke.   


Früher war mir mein Äußeres unglaublich wichtig. Ich sparte für hochwertige Kleidung. Klasse statt Masse war meine Devise. In einem schicken neuen Kleid fühlte ich mich unwiderstehlich. Manchmal, wenn ich mich nur auf mich konzentrierte, merkte ich die Blicke der anderen. Dabei war es mir egal, ob es Neid, Missgunst, Bewunderung oder Neugier war. Wenn ich in jenem Moment mit mir eins war, fühlte ich mich mit mir im Reinen. Dann war mir meine Umwelt egal. Ich schwebte in meinem eigenen kleinen Universum.

Heute trage ich fast nur dreckige Kleidung. Irgendein Fleck findet sich immer. Ist mit Kleinkind eben nicht zu vermeiden. Mein Kleiderschrank war früher mein heiliger Gral, heute fristen die meisten Kleidungsstücke ein unglückliches Dasein im Schrank. Erstens, weil sie nach einem Tag im Nahkampf mit Mäusekind höchstens noch für  die Altkleidersammlung taugen würden. Zweitens, weil vieles einfach eh nicht mehr passt und drittens, weil die Anlässe schicke Kleidung zu tragen, schwindend gering sind. Stattdessen kaufe ich Dreierpacks Shirts beim Textilschweden und das auch nur im Angebot. Lohnt ja nicht viel Geld auszugeben, werden ja eh bald wieder mit Pampe besudelt.

Meine Haare waren früher mein ganzer Stolz. Lange, wallende Mähne, meist offen getragen. Heute trage ich meistens einen Dutt. Der geht schnell, man muss nicht lange rumstylen und praktisch ist er auch. Wenn ich mal wieder nicht zum Haare waschen gekommen bin, dann vertuscht er das Übel auf meinem Haupt. Schadensbegrenzung sozusagen. Nicht sexy, aber funktional.

Kultivierte Gespräche bei einem Glas Wein, das war früher meine Welt. Heute sind meine Gesprächsthemen, Windeln, Babynahrung, Pipi, Kaka. Baby in allen Lebenslagen. 
Ein Buch habe ich seit Mäusekind auf der Welt ist, nicht mehr gelesen. Auch meine Zeitschriften sind oft unberührt, ich komme eben nicht dazu. Die Hochglanzmagazine sind übrigens Eltern- und Mamaheften gewichen. Mein Gehirn ist manchmal so matschig, dass ich mir nicht so ganz sicher bin, ob ich je wieder in der Lage sein werde, einen wissenschaftlichen Artikel zu verfassen. Das einzige was ich wahrscheinlich im Moment geistig aufnehmen könnte sind Comics. Und dann wahrscheinlich nur die mit einem Bild. Wie nennt man die nochmal? Ach ja, genau: Karikaturen. 

Früher mochte ich dramatische Filme, Kunstkino, intellektuell förderndes. Heute? Um Gottes willen! Bloß keine Dramen, die hab ich hier zuhause schon zuhauf. Abgesehen davon, dass ich nichts trauriges mehr ertrage. Wie bei einem pubertären Teenie  kommen mir die Tränen, wenn Tierkinder von ihren Müttern getrennt werden oder wenn andere schlimme Dinge über den Bildschirm flackern.

Mein jugendlicher Elan ist oft der Müdigkeit gewichen; Schönheit der Funktionalität. Doch dann lacht mich meine Tochter an, und es wirkt auf mich wie ein Lebenselixier. Eine Adrenalinspritze. Und plötzlich liegt mir die Welt wieder zu Füßen (mit Dutt auf dem Kopf).

Fühlt sich Euer neues Leben manchmal auch komplett anders an?

Eure Anna


Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, das geht mir ganz genau so!
    Gerade was die Kleidung angeht... Früher hätte ich in Jogginghose niemals die Tür aufgemacht, wenn es geklingelt hat - wie peinlich! Heute renne ich den Ganzen Tag so durch's Haus ;) Auch kaufe ich - WENN ich mir denn mal Klamotten kaufe - bei den Marken ein, um die ich früher einen großen Bogen gemacht habe. Und auch gerne im Dreierpack, wie bei dir! :D
    Deswegen ist jetzt seit Ewigkeiten das erste Mal mal wieder ein richtiger Shoppingtag geplant, aber ich befürchte schon jetzt, dass ich nur Sachen für Kiwi kaufen werde ;)
    Vermisse ich mein altes Leben? Manchmal Teile davon. War es besser oder lebenswerter, als es jetzt ist? Never! Manchmal habe ich das Gefühl, den "Sinn" des Lebens jetzt erst gefunden zu haben :)

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    1. So sehe ich das auch! Jetzt ergibt das Leben einen Sinn,ohne meine Tochter kannn ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen. Um keinen Preis wollte ich in mein altes Leben zurück, aber einige Teile davon vermisse ich dann doch ein wenig. Mir fehlt vor allem die Zeit für mich. Die ist Mangelware geworden.
      PS: Ich hatte übrigens noch nie Probleme in Jogginghosen die Tür zu öffnen. Aber seit ich Mama bin, habe ich das noch gesteigert: Im Morgenmantel geht jetzt auch ohne Scham. Der Postbote gehört quasi schon zur Familie ;-)
      PPS: Wenn ich denn mal was kaufe, dann auch nur für die kleine Maus, so ändern sich die Prioritäten. :-)

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  2. Bei mir sind es weniger die praktischen Veränderungen (Klamotten etc.), die auch nicht so dramatisch ausfallen (ich war schon immer der praktische Typ:-)), als vielmehr die geistigen Veränderungen (das Gehirn ist matschig), die mir immer noch Schwierigkeiten bereiten. Und was fast am Schlimmsten ist: man hat sich daran gewöhnt (und viele andere merken das ja gar nicht mehr). Romane lese ich auch nach 5 Jahren Mamaseins noch nicht wieder, ich komme einfach nicht rein, kann nicht versinken, aber wenigstens mal ein paar Kapitel in einem Sachbuch. Wie andere Bloggermamas schon oft schrieben: das Bloggen ist der geistige Ausgleich, das, was eben möglich ist.
    Liebe Grüße!

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    1. Oh ja, das stimmt, das Bloggen hilft das Gehirn fit zu halten. Ich freue mich jedes Mal darauf und widme mich dem eigentlich nur, wenn meine Kleine schläft, also immer erst am Abend, wenn ich selbt schon ziemlich K.O. bin. Aber missen wollte ich es nicht, es hält den Geist lebendig. Ich empfinde es auch als Ausgleich, genau so wie du es beschrieben hast. Alles Liebe Anna

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  3. Deinem Beitrag habe ich nicht zuzufügen. So ist es. Und es stimmt was die Frühlingskindermama da zitiert: Das Bloggen hilft den Kopf doch nochmal anzukurbeln. Auch wenn es vornehmlich um Elternthemen geht....

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    1. Ja, das stimmt. Beim Verfassen der Texte wird das Gehirn gefordert. Das ist wichtig und bereitet mir große Freude. (Und besser Elternthemen als gar keine Themen). Alles Liebe

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  4. Ich kann Euch gut verstehen, ihr jungen Frauen! Ich bin schon Großmutter :-) Aber und jetzt kommt mein großes ABER: die ganzen Äußerlichkeiten verstehe ich nicht - die Sehnsucht nach "geistiger" Nahrung schon!!! Doch mit meinem (Lebens-)Abstand kann ich sagen. Der "Sinn" des Lebens sind Kinder, d.h. unsere Fortpflanzung. Denn die bringen "uns" weiter/überleben uns - alles andere ist ziemlich eingebildet und nebensächlich - aber das habe ich auch erst begriffen, als ich Großmutter wurde. Und seitdem suche ich noch weniger nach "Sinn" in dem ganzen äußeren Zeugs, was der Kapitalismus uns als Konsum = Erfüllung schmackhaft zu machen sucht. Ach ja, und ich hänge nicht etwa einer traditionellen Frauenrolle an, sondern einer Gleichstellung der Geschlechter, beispielsweise im Arbeitsleben etc.
    Weil nur, wenn ich als Frau (v. a. mit Kind/ern) einen existenzsichernden Lohn bekomme, kann ich unabhängig und selbstbewusst leben.

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