Dein Baby ist zu dick! - Über kranke Wahrnehmungen und gestörte Essverhalten

Montag, März 21, 2016


Ich behaupte die meisten Frauen haben ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Nahrung ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lifestyles und unseres Alltages geworden: Selbst wenn wir uns augenscheinlich gesund und bewusst ernähren, zählen die meisten von uns Kalorien, katalogisieren Lebensmittel in gut/schlecht, gesund/ungesund, kohlenhydratreich/proteinhaltig, light/fett. Wenige haben eine unbelastete Beziehung  zur Nahrungsaufnahme. Das ist schade und traurig. Über die Gründe sind schon mehrere qualifiziertere Artikel  erschienen, als ich je mit meinem laienhaften Wissen darüber verfassen könnte. 

Was allerdings noch schlimmer als unser gestörtes Essverhalten ist, ist die Tatsache, dass wir riskieren, diese Unsicherheiten auch auf unsere Kinder zu übertragen. Es ist kein Geheimnis, dass mit unbedachten Sätzen bei den Kleinen großer Schaden angerichtet werden kann.
 
Eine Freundin von mir wurde als Kind nach den Weihnachtsferien mit folgenden Worten von der Ballettlehrerin gegrüßt: „Oh, zu viele Weihnachtsplätzchen gegessen?“ und dabei kniff sie ihr in die Hüfte. Ihr ist es bis heute in Erinnerung geblieben. 

Es ist verantwortungslos, Kinder bereits auf ein Körperideal zu trimmen, für das sie selbst noch gar kein Gespür haben. Und selbst wenn wir Eltern versuchen, unseren Kindern einen natürlichen Umgang mit Nahrung und ein gesundes Körpergefühl zu vermitteln, so können wir es unmöglich verhindern, dass unser Nachwuchs über kurz oder lang mit dem verzerrten Idealbild der Gesellschaft und der Medien konfrontiert werden wird. Wir werden sehr behutsam mit dem Thema umgehen müssen und hoffen, dass wir es schaffen, in  unseren Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein angedeihen zu lassen. Aber das soll hier nicht das eigentliche Thema sein.

Können Babys bereits zu dick sein?

Was mich wirklich maßlos traurig und gleichzeitig zornig macht ist, dass bereits Babys und Kleinkinder, die ausschließlich mit (Mutter)Milch oder Beikost ernährt werden, schon als übergewichtig und fett bezeichnet werden. Jeder kennt die Aussagen von Außenstehenden oder gar von anderen Müttern: „Der Kleine ist aber ganz schön proper. Was fütterst du denn?“ „Der ist aber speckig und was für dicke Beinchen, runde Hamsterbacken“ etc. etc.  oder aber „Meine Güte, ist das ein Brocken, ganz schön gut im Futter.  Ich kenne Mütter, die aufgrund solcher Aussagen stark verunsichert sind und selbst anfangen, ihr Kind und dessen Gewicht und Aussehen zu hinterfragen. Wie sollen diese Kinder ein gesundes Essverhalten erlernen? Ihnen wird bereits von vorneherein diese Möglichkeit versagt.

Jetzt mal Klartext: Ich behaupte, dass Babys und Kleininder, die an Nahrung normal und behutsam herangeführt werden, ein natürliches und gesundes Essverhalten und Sättigungsgefühl haben. Das kann man klar zerstören, keine Frage. Omas Weisheit: „Der Teller muss aufgegessen werden, komme was wolle“  ist angesichts unserer heutigen Generation, die die Nachkriegszeit überholt hat, weder angebracht noch  zeitgemäß. Ich denke, kleinere Portionen sind besser, wenn noch Hunger besteht, kann man eben einen Nachschlag nehmen. 

Meine Erfahrung

Als Mäusekind auf die Welt kam, wog sie 3700g. Die Ärztin begrüßte mich gleich mit den Worten: „Ordentliches Gewicht, die Kleine!“ In meinen Augen war mein Baby klein und zart.  

Als Idealmaß gilt bei Geburt ca. 3200-3500g, somit war meine Tochter schon 200 g über dem Idealgewicht. Schlimm, oder nicht? 

Nur so zur Anmerkung, ich habe versucht mich in der Schwangerschaft gesund zu ernähren, klar habe ich auch Gelüsten nachgegeben, dennoch habe ich mich nicht maßlos Schokolade und Co. hingegeben.  Insgesamt zeigte die Waage kurz vor Entbindung 14 kg Gewichtszunahme, was vollkommen im Rahmen ist, wie ich finde. Aber nun gut. 

Die Kleine nahm dann im Krankenhaus in den ersten Tagen 10% ihres Körpergewichts ab, was auch noch in der Norm liegt. Die Hebamme im Nachtdienst wollte mich hingegen schon nötigen zuzufüttern. Das lehnte ich jedoch ab und erklärte mich dazu nur bereit, wenn meine Tochter die 10 %  Marke der Gewichtsabnahme überschreiten würde. Ich sah einfach noch keinen Bedarf, schließlich hatte ich einen normalen Milcheinfluss, sie trank regelmäßig und es dauert eben eine Weile,  bis sich alles eingependelt hat. Und siehe da, am nächsten Morgen hatte sie auch wieder etwas zugenommen und das Gewicht stieg von da an stetig an. 

Die Natur hat das schon geregelt

Es liegt in der Natur, dass Babys Hunger signalisieren und ist es nicht wunderbar, dass Angebot und Nachfrage aufeinander abgestimmt sind? Ein Baby kann nicht mit Muttermilch überfüttert werden, denn es  macht sich deutlich bemerkbar, wenn es eben Hunger hat. Es kann durchaus sein, dass es speckigere Babys gibt als andere, aber das ist doch noch lange kein Hinweis darauf, dass sie übergewichtig sind. 

Ebenso sehe ich das mit Flaschenkindern. Wenn man ihnen nicht ständig ein Fläschchen reinschiebt, um es ruhig zu stellen, also bei jedem Quengeln, sondern achtsam auf Hungersignale reagiert, werden auch diese Kinder  nicht übergewichtig.  

Die Beikost - Die Weiterführung des natürlichen Essverhaltens

Wir hatten mit der Einführung der Beikost ja unsere Starschwierigkeiten. (Meine ersten kläglichen Versuche könnt ihr hier nachlesen). Zu Anfang spuckte  mir meine Tochter alles vor die Füße und verweigerte feste Nahrung vehement. Ich zwang sie zu nichts, und probierte schließlich so lange bis sie irgendwann Interesse signalisierte. Dann begann ich mit den ersten Löffelchen, die sie zaghaft probierte. Nach wenigen Happen war dann meist auch Schluss. Für mich war das in Ordnung. Sie zeigte mir, dass es für sie so genug war.  Warum sollte ich insistieren? Damit hätte ich doch ihr natürliches Hungergefühl ausgeschaltet.

Mit einem Jahr hat sie mittlerweile einen gesegneten Appetit und ich weiß gar nicht, wo das ganze Essen bei ihr bleibt, denn sie ist mit 8,7 kg wirklich sehr schlank. Ich kann  euch aber versichern, dass sie wirklich ordentlich isst. Auch hier sind alle ganz entsetzt, was sie alles verdrücken kann und wundern sich, dass sie dennoch so zierlich ist. Ich glaube einfach, ihr Körper braucht die Nahrung, die sie verlangt. Wenn sie wirklich satt ist, lässt sie den Rest liegen. Das ist gut. Ich vertraue ihrem Urgefühl. 

Alles in Maßen

Was die Mahlzeiten angeht, lege ich Wert darauf, dass sie sich gesund ernährt und dass ich vitaminreich und abwechslungsreich koche. Bei uns gibt es viel Gemüse und sie isst jeden Tag mindestens eine Portion Obst. Dennoch bin ich kein Fanatiker, ich verbiete ihr nichts. Mein Motto ist: Alles in Maßen.  

Zahlreiche  Mütter aus meinem Bekanntenkreis verteufeln alles was Zucker enthält. „Meine Güte, Kuchen, das geht gar nicht! Todsünde!“ Klar sollte man das Kind nicht mit Zucker vollstopfen, aber wenn ich mir ein Stück Kuchen gönne und sie mir Interesse daran signalisiert, dann lasse ich sie ein kleines Stück kosten. Außer purer Schokolade, rohes Fleisch/rohen Fisch und Honig (eigentlich ab einem Jahr erlaubt, empfohlen wird aber die Verabreichung erst ab dem  zweiten Lebensjahr) und Scharfes darf sie eigentlich alles probieren, denn auch das gehört zu einer normalen Esskultur und einem gesunden Essverhalten dazu. 

Ich glaube, wenn man bestimmte Lebensmittel von Grund auf verbietet, erreicht man genau das Gegenteil, nämlich ein sehr angespanntes Verhältnis zu Nahrungsmitteln. 
Für einen unbefangenen Umgang mit Essen ist in meinen Augen die Vielfalt wichtig, eine bunte Mischung, keine Verbote. 
Übrigens: Die meisten Babys, die etwas mehr Gewicht hatten, verloren dieses automatisch, als sie mit dem Krabbeln und Laufen begonnen haben. Bewegung und die richtige Ernährung, die auch Ausnahmen erlauben sollte, sind also der Schlüssel zum Erfolg. (Aber das wissen wir ja eigentlich schon bereits, nicht wahr? ;-).

Mahlzeiten zelebrieren

Und noch eines liegt mir noch sehr am Herzen: Essen ist auch Genuss, es ist Lebensfreude und sollte zelebriert werden. Mahlzeiten einen, es sind die Augenblicke des Tages, an denen die Familie zusammen kommt. Dafür muss man sich Zeit nehmen. Auch beim Stillen, konzentrieren wir uns doch auf unser Baby und widmen uns nur dem Stillprozess. Zumindest sollte das so sein.
Wie oft habe ich Mütter gesehen, die während ihres Großeinkaufs, dem Säugling eine Flasche in den Kinderwagen fütterten, während sie mit der anderen Hand an ihrem Handy rumspielten.
Das ist genau dieses „zwischen Tür- und Angel-Essverhalten“, das wir selbst eben auch meiden sollten.

Verstand einschalten

All diese Aussagen, Babys und Kleinkinder seien schon zu dick, halte ich ich für dumm und sehr gefährlich und wie wir alle wissen, kann Dummheit großen Schaden anrichten.  

So wie es große und kleine Menschen gibt, so gibt es eben auch kräftigere und zierlichere Kinder. Vielfalt ist schön, sie macht uns zu etwas besonderem. 

Wer da glaubt, er müsse bereits im Baby- und Kleinkindalter über Idealmaße reden und Schönheitsideale hochhalten, der sollte vielleicht einfach mal Stillschweigen bewahren und seinen Verstand einschalten.

Eure Anna


Kommentare:

  1. Toller Text, ich unterschreibe jedes Wort! Ich habe etwas zu einem ähnlichen Thema im Entwürfe-Ordner. Ich fürchte, unsere Gesellschaft ist diesbezüglich so krank, dass wir "nur" den Grundstein legen können für ein gesundes Körperbewusstsein. Auf Dauer vor Dummheit beschützen, können wir unsere Kinder wohl nicht...

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    1. Vielen Dank für deinen Zuspruch! Es ist wirklich eine tragische Entwicklung, die gerade stattfindet. Wir können unsere Kinder zwar nicht vor Dummheit schützen aber zumindest können wir versuchen, sie dafür zu sensibilisieren indem wir ihnen helfen, ein gesundes Selbstbewustsein zu entwickeln. Das ist zumindest meine große Hoffnung!

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  2. Ich darf mir ja oft anhören, dass Rini zu dünn sei und zu wenig zu nimmt... Aber sie trinkt fleißig und isst mittlerweile bei uns mit... Aber seit sie 6 Monate ist, stürmt sie krabbelnd den Katzen hinterher... Das wird vollkommen ignoriert.

    Immer wird auf irgendwelche Tabellen geschaut oder mit anderen verglichen.
    Ich hoffe, dass sie mal nicht so wird wie ich... Zerfressen voller Selbstzweifel, weil immer an mir genörgelt wurde (zu dick usw)

    LG
    Bammy

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    1. Das wichtigste ist doch, dass die Kleinen gut gedeihen! Es ist doch schön, wenn sie genug trinkt und mit euch mit isst, das sind doch super Voraussetzungen! Und wenn sie sich dabei auch noch viel bewegt: Perfekt! Es ist wirklich traurig, dass Du selbst so schlimme Erfahrungen machen musstest, aber ich bin mir sicher, dass sie wenigstens für eines gut waren: Diese Fehler wirst du bei deiner Kleinen nicht machen! Fühl dich gedrückt! Anna

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