#Familienmoment Nr. 9: Viele Tränen und eine Selbsterkenntnis

Mittwoch, März 02, 2016



Mein Mann und ich waren einkaufen. Wie schon viele Male zuvor. Mäusekind saß im Einkaufswagen im dafür vorgesehenen Kindersitz und erkundete neugierig den Supermarkt. In der Regel findet unsere Tochter Einkaufen auch echt super, weil es immer was zu schauen und zu entdecken gibt. Neuerdings streckt sie immer die Hände nach den Regalen aus, so dass man höllisch aufpassen muss, dass sie diese nicht leer räumt. 

Am besagten Tag  war eigentlich alles wie immer. Ich war ein wenig gestresst, weil es sich mal wieder um einen Großeinkauf handelte, den ich nicht sehr gerne mit Kind im Schlepptau bewältige. Aber was soll man machen? Ich bin überhaupt froh, dass mein Mann meistens bei solchen Aktionen dabei ist. Alleine ist das nämlich sehr, sehr anstrengend.
Als sich unser dieswöchiger Familienmoment ereignete, war eigentlich alles wie immer. Eine gewohnte Situation, schon gefühlte hunderte Male durchlebt.





Wir schlenderten also durch die Gänge und jeder packte das, was er benötigte, oder was wir uns aufgetragen hatten, in den Wagen. Einen kurzen Moment drehte ich mich mit dem Rücken zu unserer Tochter, weil wir noch darüber philosophierten ob wir lieber Gurken- oder Karottensalat als Beilage machen sollten. Da schrie plötzlich unser Kind aus heiterem Himmel laut auf und weinte und brüllte wie am Spieß, die Tränen schossen aus ihren Augen über die Wangen.

Ich drehte mich sofort erschrocken nach ihr um und konnte zuerst nicht ersehen, was denn passiert war. Mein Mann hatte jedoch aus den Augenwinkeln beobachtet, dass sie sich die Stirn auf den Einkaufswagengriff gestoßen hatte. Sie wollte nämlich das Stofftier, welches an der Wickeltasche baumelte, die wiederum über dem Einkaufswagengriff hing, erreichen.  
Eine Sekunde nicht aufgepasst, und zack, hatte sie sich weh gemacht. Ganz rational betrachtet, hatte sie sich in erster Linie erschrocken, denn man sah weder eine rote Stelle auf der Stirn noch andere Indizien, die auf Schmerzen hingewiesen hätten.  

Ich redete erst einmal beruhigend auf sie ein, aber es half alles nichts. Der Papa nahm sie dann aus dem Wagen auf den Arm, kuschelte sie und versuchte sie abzulenken, aber sie ließ sich nicht beruhigen sondern brüllte noch lauter und schaute hilfesuchend zu mir. "Mammmma" schluchzte sie, dass es mir das Herz brach. Ich streckte sofort die Arme nach ihr aus und in dem Moment, in dem ich sie berührte und mein Mann sie mir reichte, hörte sie schlagartig auf zu weinen und sie grunzte sehr zufrieden. Ihre Reaktion zeigte mir, dass sie also keinen wirklichen Schmerz empfand, sie wollte in jenem Moment eben nur von mir getröstet werden und zwar nur von mir. 

Es handelte es sich hierbei um keine außergewöhnlich schlimme oder traumatische Situation, sie hat mit Sicherheit Unangenehmeres erlebt, z. B. als sie einmal beim Hochziehen am Tisch das Gleichgewicht verlor und ausgerutscht ist. Ihr Verhalten in dieser Lage war vor allem mit einer Portion ordentlichem Frust garniert: Sie hatte das Objekt ihrer Begierde, nämlich das Stofftier, nicht erreicht, stattdessen rutschte sie zur Krönung ab und schlug mit dem Kopf an der Stange auf, was sicherlich weh tat und sie sehr erschrocken hat. 

KiKaninchen-der kleine Übeltäter


In der Regel versuche ich sie bei Weinattacken, um der Eigendynamik den Wind aus den Segeln zu nehmen,  zuerst immer abzulenken, was auch recht gut funktioniert.  Dann wedele ich mal kurz mit der Rassel oder zeige ihr den neuen Dekoartikel im Bücherschrank.  Meist ist Mäusekind von der neuen Situation so fasziniert und vergisst ihren Frust sofort und lacht quietschvergnügt.*  

Allerdings merke ich, dass ich nach besonders harten Tagen oder in für mich stressigen Situationen sehr schnell nachgebe und erst gar nicht versuche, die Situation als Erwachsene zu entschärfen. In letzter Zeit ist es mit immer öfter passiert, dass ich meine Tochter in ihrem von Frust/Trotz/ Schmerz geleiteten Verhalten unbewusst bestärkt habe. 

Die Situation im Supermarkt wäre eigentlich sehr einfach zu bewältigen gewesen, der Papa hätte sie durchaus auch besänftigen können, ich habe ihm nur nicht die Chance gelassen, weil ich das Szenario so schnell es ging, auflösen wollte.

Meine Erkenntnis aus diesem Erlebnis ist, dass ich manchmal, und leider in letzter Zeit gehäuft, unüberlegt handle und somit falsche Anker setze. Stress und Müdigkeit lassen mich ungeduldig werden, ich möchte dann auf dem schnellstmöglichen Weg mit dem geringsten Widerstand zum Ziel kommen, das ist aber nicht immer der richtige Pfad.  

Nicht jede Situation ist gleichermaßen schlimm, es gilt diese zu differenzieren und meinem Kind dies auch zu vermitteln. Statt einzulenken, lasse ich sie immer öfter gewähren, sie möchte JETZT einen Keks oder sie will SOFORT das Spielzeug, sonst gibt es hier ein riesen Drama. 

Immer wieder ertappe ich mich, dass ich ihr keine Alternative anbiete, sondern gleich zu Befehl parat bin. Mein #Familienmoment ist somit mit einem Schuldeingeständnis verbunden und hat mich veranlasst, meine Verhaltensmuster zu hinterfragen und hoffentlich zu durchbrechen. 

Zumindest möchte ich mir mehr Zeit nehmen, mich mehr von meinem Mutterherzen und weniger von meiner Ungeduld und meiner Müdigkeit leiten lassen. Das ist nicht nur wichtig für mich, sondern ganz grundlegend für meine Tochter. 

Kennt ihr solche Situationen oder Momente auch?

Mehr Familienmomente gibt es wie immer bei Küstenkidsunterwegs!

Eure Anna


*Ein Haufen Liebe hat gerade vor einigen Tagen eine schöne und hilfreiche Liste der Tipps veröffentlicht, die bei Wutanfällen von kleinen Trotzköpfchen mehr oder minder helfen.


Kommentare:

  1. Ich weiß nicht, ich finde du hast ziemlich normal reagiert. Wenn Eure Tochter in diesem Moment halt die "Mama" brauchte dann ist es halt so.
    Ich glaube du machst dir da zuviel Gedanken. Was sagt der Vater dazu, hat er sich übergangen gefühlt?

    Viele Grüße,
    Anja

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    1. Nein, der Papa hat sich überhaupt nicht übergangen gefühlt, der war froh, dass sie sich bei mir so schnell beruhigt hat :-). Wahrscheinlich mache ich mir wirklich zu viele Gedanken. Wobei die Situation an sich mich nur mein bisheriges Verhalten überdenken ließ. Das Trösten ist ganz klar normal, ich will ja nicht, dass es meiner Tochter schlecht geht, aber, ich glaube, sie weiß auch schon ganz genau wie sie Mama weich bekommt ;-)

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  2. Dass man vor lauter Müdigkeit und Stress nicht immer so handelt, wie man es vielleicht gerne getan hätte, kennt wohl jede Mutter. Aber es ist gut, dass du dich selbst reflektierst. Auf den ersten Blick fand ich die Reaktion, die kleine Maus gleich zu dir zu nehmen und ihr Nähe zu geben, jetzt nicht so wirklich "schlimm", aber ich glaube, gemeinsam mit den anderen Situationen, die du beschreibst, verstehe ich worum es dir insgesamt geht.
    Auf jeden Fall kann sich dein Mäusekind glücklich schätzen eine Mama zu haben, die sich so viele Gedanken über den optimalen Umgang mit ihr macht :)

    Ich kenne dieses "schnelle Reagieren" momentan von Kiwis Fortbewegungsversuchen. Wenn es nicht so klappt, wie sie das gerne hätte, fängt sie schnell an zu quengeln und ich bin dann hin und her gerissen, OB und WANN ich ihr denn nun tatsächlich helfen, oder sie einfach machen lassen soll. Schwierig, schwierig! :)

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    1. Dankeschön für deine lieben Worte! Du hast mich sehr gut verstanden, um was es mir wirklich geht. Ich erfülle oft sehr schnell ihr Begehren, einfach weil ich das Weinen, Quängeln, Toben (ja, unsere kleine kann ganz schön rabiat sein, wenn sie will)schnell hinter mich bringen will. Damit bestärke ich sie aber in ihrem Verhalten und es wird immer schwerer diese Spirale zu druchbrechen. Dein Beispiel kenne ich auch sehr gut. Ich habe sie meistens machen lassen und habe erst eingegriffen, wenn ich gemerkt habe, dass der Frustpegel zu hoch war. Aber es ist schwer immer alles richtig zu machen :-(

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  3. Das Problem kenne ich auch. Gerade im Moment muss ich auch mal mein Handeln der Jüngsten gegenüber etwas anpassen. Schleichend begann sie mich für ihre Zwecke einzusetzen. Sie fängt jetzt an zu sprechen und ich bin immer, wenn sie etwas sagte, gesprungen und habe ihr Dinge gebracht, angereicht oder was auch immer, weil ich so begeistert war von ihrer neuen Kommunikationsform. Sie freute sich auch, dass ich sie verstand. Allerdings macht sie das jetzt zur Methode. Sie möchte malen, aber ich soll dann die "Arbeit" machen. Sie wirft ihre Puppe runter vom Hochstuhl. Ich soll diese wieder aufheben. etc. Da muss ich dann doch leider mal sagen: "Ich verstehe deine Worte gut, aber ich bin nicht deine Marionette. DAS kannst du schon alleine." Führte erst heute morgen zu einem Wutanfall ihrerseits. Aber da müssen wir jetzt durch.
    Ich denke auch, dass kennt jeder. Wichtig ist halt es zu erkennen und dann zu ändern.

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    1. Ja, genau, du beschreibst sehr gut, in welcher Situation wir uns manchmal befinden. Z.B. Mausekind fndet es irre witzig ihr Spielzeug aus dem Laufstall zu werfen.Sie schaut ganz bewusst, dass ich gucke und plumps, wird das Ding rausgepfeffert. Dann lacht sie. Dann wird das nächste rausbefördert und so weiter und so fort bis alles am Boden liegt. Macht ja auch Spaß. Nur kippt die Stimmung sehr schnell, wenn ich es wage, ihr das Spielzeug nicht SOFORT wieder zu reichen. Sie testet Grenzen. Komisch, dass man als Erwachsener sich manchmal von einem kleinen Wesen so rumscheuchen lässt, nicht wahr? Wäre unser Gegenüber ein Erwachsener würden wir ihm die Meinung geigen ;-).

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  4. Ach, ich glaube als Mami oder auch als Papi sind wir alle mal gestresst, oder? Das ist ganz normal - den Alltag mit Kind zu wuppen, ist ja auch nicht immer so ohne...Ich kann verstehen, dass Du Dir Gedanken machst, aber ich glaube, Du hast einfach als fürsorgliche Mami reagiert - und das ist etwas Gutes :)
    Dein Auf-den-Arm-nehmen finde ich sehr liebvoll und völlig ok! Ich glaube, da gibt es sogar einen Spruch a la "Bedürfnis erfüllt, Bedürfniss gestillt". Das gilt natürlich nicht für Kekse ;)

    Viele liebe Grüße, Küstenmami

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    1. Danke liebe Küstenmami! Ja, das in den Arm nehmen war auch nicht das wirkliche Problem, sondern, dass sie mich mittlerweile manchmal ganz schön im Griff hat. KEKSE z.B. :-))) Papa kann das Trösten doch auch sehr gut :-). Das muss ich nur noch verständlich machen ;-). Liebste Grüße Anna

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  5. Ähm ja, dein Verhalten kenne ich nur zu gut. Wenn ich müde oder gestresst bin, dann neige ich auch dazu die Wünsche von Madame sehr schnell zu erfüllen. Dazu kommt noch, dass meine Kleine, wie die Kleine von Beatrice halt jetzt spricht und ich mich auch über jedes neue Wort so freue, dass ich immer sofort reagiere. Ich sag`s dir, gestern hat sie schon im Bett gelegen und "Frikadelle" gesagt. Und ich war so perplex. Als sie dann noch auf meine Frage: "Hast du Hunger" mit "Ja" geantwortet hab, hat sie gestern tatsächlich um 21:00 Uhr mit mir in der Küche gesessen und Frikadelle gegessen. Und das war auch so ein Moment, wo ich dachte: "Ähm, halt mal irgendwas läuft hier verkehrt ..." Nur weil ich mich freue oder genervt bin, sollte man nicht alle Wünsche erfüllen. Haha, ich versuch das seitdem auch wieder zu ändern ;) Alles Liebe, Nätty

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  6. Haha, eigentlich süß :-). Aber ich verstehe ganz klar was du meinst :-). Aber so ein Betthupferl ist ja schon was Feines :-). Die Kleinen sind mancmal aber auch zu süß, um Ihnen was abzuschlagen ;-).Daran muss ich auch arbeiten! Lieber Gruß, Anna

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