Von Reizthemen und Mommy-Wars

Freitag, März 04, 2016

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Wir Mütter müssen uns immer für alles Mögliche rechtfertigen. Warum wir in der Öffentlichkeit stillen  oder warum wir überhaupt nicht stillen, ob wir natürlich entbunden haben oder ob wir einen Kaiserschnitt hatten, erklären warum wir zufüttern, darlegen ob wir BLW betreiben oder nicht, uns verteidigen, warum  wir das Familienbett pflegen oder unser Kind im eigenen Zimmer/Bett schlafen lassen, begründen, warum wir nach drei Monaten wieder arbeiten gehen oder wie wir es wagen können, länger als ein Jahr zuhause zu bleiben. 

Ich finde diese Diskussionen in der Öffentlichkeit mehr als anstrengend, immer und immer wieder für die eigenen Entscheidungen einstehen zu müssen und unser Lebensmodell, das doch für uns gut funktioniert, vor –ja, vor wem eigentlich?!-  zu verteidigen.  Warum ist immer alles verwerflich, was nicht mit unseren Angewohnheiten harmoniert?  Ist anders etwa ein Synonym für schlechter? Ich glaube nicht. Man muss kein Linguist sein, um diese Frage ernsthaft beantworten zu können. Es mag ohne Zweifel Gründe und Argumente geben, die das eine besser machen als das andere, doch wir vergessen in unseren pauschalen Aussagen immer den Menschen in seiner individuellen Situation.  
Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ich mich nicht getraut habe, etwas in einer Gruppe keifender Mütter zu erwidern, weil diese alles niedergemacht haben, was in ihren Augen nicht ethisch und pädagogisch korrekt war.  Ist das nicht sehr traurig? Wer gibt solchen Menschen das Recht über andere zu urteilen?

Ich möchte im Folgenden auf die oben genannten Beispiele eingehen und auch wenn nicht alles auf mich zutrifft, versuchen etwas Verständnis für manche Entscheidungen zu wecken.

Hier also die Reizthemen:

1.) Kaiserschnitt


Ich hatte einen Kaiserschnitt.  Und zwar einen geplanten noch dazu. Das darf man nicht aussprechen, denn dann ist man eigentlich von vorneherein schon unten durch in der Liga der Supermamis. Es gab Gründe für diesen Kaiserschnitt (darüber werde ich noch einen gesonderten Artikel verfassen), er war also nicht der Tatsache geschuldet, dass ich mir zu fein für eine natürliche Geburt gewesen wäre.  Die Ärzte rieten mir dazu, aber auch wenn sie es nicht getan hätten, müsste ich mich nicht dafür rechtfertigen.  

Die Entscheidung habe immer noch ich getroffen, nicht die Ärzte. Sie rieten mir dazu, ich habe ihren Rat angenommen. Bereut habe ich es nicht, denn ich kann nichts negatives über mein Geburtserlebnis berichten. Ich habe es nicht als Trauma empfunden, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Das ist ein großer Vorteil gegenüber einem Notkaiserschnitt, der tiefe seelische Narben hinterlassen kann, weil man mit anderen Voraussetzungen in die Geburt gegangen ist. Ich bin keine schlechtere Mutter, als eine, die natürlich entbunden hat. Ich liebe mein Kind genauso stark. Und ich habe mich mit meiner Entscheidung nicht leicht getan. Lange habe ich mit mir gerungen bis ich schließlich dem Rat der Ärzte gefolgt bin. 

Ein Mann (!) sagte tatsächlich mal zu mir, dass es feige sei, nicht natürlich zu entbinden und überdies würde es stark die Mutter-Kind-Bindung beeinträchtigen. Erst der Geburtsschmerz sei dafür verantwortlich, dass man sein Kind lieben könne. Ehrlich? Ich habe noch nie so einen großen Mist gehört. Als man mir die Kleine in die Arme legte, war es um mich geschehen. 

Auf was ich eigentlich hinaus will: Es kann mehrere Gründe geben,  warum eine Frau sich für einen KS entscheidet: Über die medizinische Indikation hinaus, können tiefe Ängste, Traumata oder seelisches Ungleichgewicht dazu führen, dass man sich eine natürliche Geburt nicht zutraut. Das sagt aber nichts über die Qualitäten als Mutter aus. Wer kann darüber urteilen, wie es in einer Frau aussieht, die sich einer OP unterzieht, um das Kind auf die Welt zu bringen? Das kann keiner.  Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, sind genauso gut oder genauso schlecht wie alle anderen Mütter auch.


2.) Stillen

War es vor 20 Jahren noch verpönt zu stillen, ist es das heute, wenn man es nicht tut. Ich sage euch ganz ehrlich, ich hatte meine Bedenken, ob ich stillen wollte.  Meine Befürchtungen, nicht mehr über meinen Körper selbstbestimmt zu verfügen, fand ich ganz sonderbar.  Tja, was soll ich sagen? Als die Kleine geboren wurde, klappte alles ganz wunderbar von alleine (trotz KS!) und es war das natürlichste von der Welt. Ich freue mich sehr, dass das alles so reibungslos geklappt hat und ich fand es sehr wichtig für (unsere)  Mutter-Kind-Bindung.  Ich bin eine Befürworterin des  Stillens.

Allerdings war ich auch froh, als sich die kleine Maus mit 8 Monaten von selbst abgestillt hatte. Und ich gebe zu, dass ich mich manchmal gefreut hätte, wenn sie Fertigmilch akzeptiert hätte, doch die hat sie immer verweigert. Gerade bei  manchen Anlässen, z.B. ihrer Taufe, war es anstrengend mich immer in das Auto zurückziehen zu müssen. Ich möchte das Stillen nicht missen, aber durch das Abstillen habe ich mir eine gewisse Freiheit und Autonomie zurückerobert. 
Es gibt aber auch Frauen, die können nicht stillen. Die haben dabei unsagbare Schmerzen. Warum sollen sie sich denn so quälen? Bei Schmerz kann man das nicht genießen und feiern. Ich verstehe das vollkommen, wenn man dann aufgibt. Andere haben zu wenig Milch und müssen zufüttern. Wieder andere stillen und füttern zu, je nach Bedarf. Alle Möglichkeiten finde ich legitim. Klar ist Muttermilch das Beste für das Kind, aber es muss doch allen dabei gut gehen. Ich war ein Flaschenkind, geschadet hat es mir nicht.

3.) Familienbett

Dazu habe ich bereits einen ausführlichen Artikel verfasst. Ich finde schlicht und einfach, dass die Entscheidung für jeden passen muss. Wenn das Kind gerne bei den Eltern schläft, dann soll es bei den Eltern schlafen dürfen. Wenn es aber in dieser Hinsicht bereits autonom ist, dann spricht doch eigentlich nichts dagegen, dass jeder im eigenen Bett schläft, oder? Es wird doch deshalb nicht weniger geherzt, gekuschelt und geliebt.

4.) Arbeiten

Manche Frauen bleiben kein Jahr zuhause, andere hingegen mehr als das vorgesehene Jahr. Es kann ganz unterschiedliche Gründe für diese oder jene Entscheidung geben. Geldsorgen oder Angst den Job zu verlieren, können manche Frau dazu bewegen, recht schnell nach Entbindung wieder Arbeiten zu gehen.  Für andere hingegen ist  der Job eine Erfüllung, sie gehen darin auf, lieben das was sie tun. Warum sollte man das verurteilen?

Ich gestehe, ich hätte es mir nicht vorstellen können, nach drei Monaten wieder arbeiten zu gehen. Aber  nur weil ich so empfinde, muss das ja nicht für alle anderen zutreffen. 
Wieder andere gehen in ihrer Mutterrolle so auf, dass sie ihre Erfüllung in den Kindern sehen. Kommentare wie: "Die können es sich ja leisten", finde ich frech. Es ist schön, wenn man als Kind seine Mama lange hat.  Ich gehe davon aus, dass die, die bewusst aus freien Stücken zuhause bleiben, finanzielle Einschränkungen in Kauf nehmen. Das ist doch legitim.  
Viele hingegen, die arbeiten gehen müssen, würden vielleicht viel lieber zu Hause bleiben, aber es ist finanziell nicht drin. Wieder andere müssen arbeiten und finden keinen Job. Nicht jede Entscheidung,die den Zeitpunkt des Wiedereinstiegs in den Job betrifft, ist selbstbestimmt.  Es spielen mehrere Faktoren mit ein.

Fest steht, man ist keine schlechtere Mutter, wenn man schnell wieder arbeiten geht und auch keine faule Hausfrau, die nur auf Kosten des Mannes lebt, weil man zuhause die Kinder großzieht. Eine Mutter, die arbeitet und Kinder versorgen und umsorgen muss, leistet unglaubliches, aber auch eine Mutter die zuhause bleibt, trägt alles dazu bei, damit es in der Familie läuft.

Pauschale Aussagen können doch an dieser Stelle nur fehl am Platze sein. Ich möchte mal hier eine Lanze für alle Mütter brechen, die enorm unter dem öffentlichen Druck stehen, alles richtig zu machen. Hört einfach auf euer (Mutter)herz, das weiß nämlich am besten was gut für euer Kind und euch ist. Und lasst uns solidarischer sein, das bedeutet toleranter für andere Lebensmodelle.  Wir alle sind Mütter, das alleine sollte doch unser Verständnis füreinander schärfen. Das Wohl unserer Kinder hat oberste Priorität, nicht der moralische Zeigefinger.

Eure Anna


Kommentare:

  1. Liebe Anna,

    ein sehr berührender Post, der mich anspricht, denn auch ich teile viele der Gedanken. Warum kann die Gesellschaft Mamas nicht einfach so leben lassen wie sie wollen? Stillen, Arbeiten gehen, Kind kriegen - alles muss terminiert werden, wann der perfekte zeitpunkt ist und wie das Ganze auszusehen hat.

    Ich habe mit 22 Jahren GEWOLLT ein Kind bekommen. MAn wird dann sofort als Mädel abgestempelt, die halt nicht aufgepasst hat und daheim versumpft. Dabei habe ich meinen BAchelor geschafft mit Kind und beginne nun zu arbeiten.

    Ich finde, es wäre wirklich an der Zeit, dass die Leute aufhören mit dem Finger auf andere zu zeigen, nur weil sie es selbst anders gemacht haben. Jedem das Seine. In diesem Sinne: Ein toller Post!

    Wünsche Dir ein schönes Wochenende,
    Birte
    http://show-me-your-closet.de/

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    1. Liebe Birte, ersteinmal herzlichen Glückwunsch zu Deinem BA! Eine tolle Leistung und noch dazu mit Kind! Du zeigst ganz wunderbar wie man Beruf und Familie (trotz Anstrengungen) vereinen kann. Jeder glaubt, er könne sich ein Urteil über andere leisten, doch meist sind gerade diese Leute gefangen in ihrer eigenen kleinen Welt. Leben und leben lassen sollte doch eigentlich die Devise sein. Vor allem könnten manche ein wenig mehr Verständnis aufbringen, man muss ja für sich nicht immer alles gut heißen was andere tun, aber alles zerreisen ist auch nicht gerade souverän. Solange die Betroffenen glücklich sind, ist doch alles wunderbar! Ich finde es ganz toll, dass du als junge Mama alles so gut gewuppt bekommst! In diesem Sinne, alles, alles Liebe! Anna

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  2. Hast du gut gesagt. Es ist echt verrückt, wie gerade Mütter oft aufeinander rum hacken. Aber auch Männer sind da manchmal merkwürdig. Als ich mit dem zweiten Kind hochschwanger war sagte mal ein älterer Mann auf der Straße zu mir: "Selber Schuld Mädchen!" Ohne dass ich mich in irgendeiner Form beklagt hätte. Fand ich auch frech. Und erst letzte Woche ging ein relativ junger Mann an mir vorbei, guckte mich an, guckte meine 3 Kinder an und schüttelte den Kopf. Dazu sagte er abfällig: "3 Kinder!" Es war definitiv nicht anerkennend gemeint. Und ich ärgere mich, dass ich nicht schlagfertig bin.

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    1. Also mir fehlen die Worte. Darauf hättest du mal zum Scherz in Tränen ausbrechen und darauf hinweisen müssen, dass das jetzt schon dein 8. Kind ist. Männer sind auch sehr gnadenlos, da gebe ich dir recht. Und dem letzten Kandidaten hätte ich wahrscheinlich angemotzt. Unmöglich.
      Ich habe da auch noch so einen Brüller, der ist aber eigentlich ganz witzig. Lange bevor ich schwanger war, standen mein Mann und ich mal wieder zum Wochengroßeinkauf an der Supermarktkasse. Meinem Mann ist eingefallen, dass er etwas vergessen hatte und war dann mal kurz weg. So stand ich also da alleine mit vollgeladenem Einkaufswagen. Der Mann hinter mir meinte: "AHHH, Großfamilie????" Ich so: "Ähm, nein". Dann musterte er mich mit großen Augen von oben bis unten und sagte doch tatsächlich: "Na dann, Guten Appetit"! Irgendwie kam ich mir da ziemlich doof vor. Eigentlich hätte ich antworten müssen: "Ja, ich habe 10 Kinder und mein Mann ist mir davongelaufen". Aber wie immer fällt einem in so einem Moment nichts ein, da ist man einfach sprachlos! :-) Heute kann ich drüber lachen, eigentlich auch gleich dannach :-)

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