Mütter im Jammertal: Von Hausmütterchen und Karrierefrauen

Mittwoch, April 06, 2016


Quelle: Pixabay

In der aktuellen Zeitschrift Eltern (April 2014, S. 76f) las ich einen hervorragenden Artikel der Autorin Verena Carl „Jammer-Mamas, Depri-Daddys“, über die neue Bücherflut sich ständig beklagender Eltern, die ihre Kinder verantwortlich machen für ihre gescheiterten Lebensentwürfe: Der Nachwuchs hat die unerfüllten Wünsche, den Karriereknick, den schwindenden Kontostand und den nicht mehr vorhandenen Lifestyle der Eltern, vornehmlich der Mamas, zu verantworten. 
Die Studie "Regretting Motherhood" hat eine Welle des Jammerns und Beklagens hervorgerufen und immer neue Mütter springen auf diesen Zug auf und klagen an: Ihre Kinder, die Gesellschaft, das Rollenverständnis. Unzufriedene Mamas wohin das Auge blickt.


Jammern für die Seelenhygiene

Ich bin ja eigentlich ein großer Befürworter des Jammerns, denn es dient als Katalysator, man kann sich Luft machen, seinen Gedanken Worte zuordnen und eine Stimme geben. Eltern sein, Mutter sein, ist kein einfacher Job. Und obwohl ich das ja irgendwie ahnte, hab ich es mir manchmal echt einfacher vorgestellt. Dampf ablassen, finde ich also legitim. Es ist eben hart, man ist ständig müde, man bekommt nicht immer alles gebacken und Abstriche sind an der Tagesordnung. Und ja, meistens sind es wir Mütter, die karrieretechnisch zurückstecken müssen. Das ist manchmal bitter. 

Ich empfinde es für mich persönlich aber gar nicht mal so als Problem. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Für mich ist wichtig, das Geld reinkommt. Schön, wenn der Job dazu passt, aber wenn es nicht der Traumjob ist, das ist für mich persönlich sekundär geworden. Solange man sich in der Arbeitswelt nicht rumquälen muss und da Arbeitsklima stimmt, ist es in meinen Augen durchaus vertretbar auch in einem Feld zu arbeiten, das nicht mit meinen Wunschvorstellungen des absoluten Traumjobs einhergeht. Standesdünkel hat in meinem Leben keinen Platz mehr.

Sich selbst nicht vergessen

Wer Kinder in die Welt setzt, dem sollte klar sein, dass es kein Zurück gibt. Meine Familie ist mir heilig, ihr Wohl ist für mich das wichtigste im Leben. Das bedeutet nicht, dass ich mich selbst aufgebe, ich bin ebenso wichtig wie alle anderen Familienmitglieder. Ich brauche auch meine Auszeiten, ich gönne mir auch Ruhephasen, wenn sie notwendig sind. Denn es nützt nichts, allen anderen den Vortritt zu geben, irgendwann bricht man zusammen. Der Partner muss natürlich mithalten, einen unterstützen, sonst geht nichts. Hätten wir nicht die Eltern meines Mannes, die uns betreuungstechnisch unter die Arme greifen, sehe es bei uns auch ganz anders aus. Ich bin also dankbar, dass unser familiäres Gefüge so gut ist, dass vieles darin aufgefangen werden kann.

Zu den eigenen Entscheidungen stehen - auch das ist Emanzipation

Alle reden immer von Emanzipation: Ich sage jetzt mal was Unangenehmes: In meinen Augen ist es auch emanzipiert Entscheidungen zu treffen, die sich vielleicht nicht in die gesellschaftliche Norm fügen. Sich gegen den Job zu entscheiden ist mindestens genauso emanzipiert wie sich dafür zu entscheiden. Mütter, die beruflich zurückstecken, werden immer mitleidig abgestempelt. Das finde ich nervig.  

Auch diese ganze Regretting-Motherhood-Debatte ist anstrengend und den Kindern gegenüber sehr ungerecht. Die haben es sich nicht ausgesucht geboren zu werden. 

In meiner italienischen Heimat gibt es ein sehr bekanntes Sprichwort, das da heißt: Man kann nicht ein volles Fass und eine betrunkene Frau haben. Sprich:  An irgendeinem Punkt muss man Abstriche machen. Meine Mutter jammerte nie über ihre Mutterrolle, meine Großmutter auch nicht. 

Als meine Oma ihre Kinder großzog, waren arbeitende Frauen eher die Ausnahme. Da stellte sich keine die Frage nach Selbstverwirklichung. Deshalb ist es doch gerade so toll, dass unserer Generation so viele Türen offen stehen. Dass wir arbeiten können, uns die Möglichkeit gegeben wird auf eigenen Beinen zu stehen, wenn wir es denn möchten.
Aber nicht jede kann es sich eben aussuchen. Manche müssen arbeiten gehen. Dann ist der Job Mittel zum Zweck um das Überleben der Familie zu sichern.  

Und jetzt? Jammern oder Zähne zusammenbeißen? 

Weder noch! Missstände aussprechen, Positives hervorheben und für sich nutzen!
Jammern ist insofern heilsam, da wir Missstände erkennen und formulieren können, aber wir sollten auch einfach mal versuchen, das Beste aus unserer Situation herauszuholen, Dampf ablassen ja, aber auch aufstehen und weitermachen. Bewusste Entscheidungen treffen, die Ansprüche an uns selbst runterschrauben, das ist in meinen Augen ebenso emanzipiert.  

Das große Genöle, die Kinder sind an allem Schuld, regt mich auf. In der Regel war das Muttersein eine bewusste Entscheidung. Stehen wir also dazu und lasst uns unseren Kindern eine glückliche Kindheit bescheren mit einer zwar imperfekten aber dafür einer zufriedenen Mutter über das was sie hat und über das was sie leistet. Das ist nämlich allerhand. Egal in welchem Familienmodell sie sich befindet.

Wir sind nicht nur die Karrierefrau oder das Hausmütterchen. Wir sind zuallerst Frauen: einzigartig, vielfältig, facettenreich, wertvoll! Wir vereinen viele Rollen in mehr oder minder starken Ausprägungen. Und das ist gut so.


Kommentare:

  1. Super! Die Redewendung mit dem Fass und der Frau ist gut :-D
    Ich bin amüsiert. Und ich teile deine Gedanken. :-)

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    1. Hihi, ja, meine Landsleute formulieren immer sehr blumig ;-). Danke fürs Gedankenteilen :-)

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