Von großen Gefühlen und modernen Unverbindlichkeiten: Welche Werte kann ich meinem Kind noch vermitteln?

Freitag, April 15, 2016



Manchmal zerbreche ich mir den Kopf über ungelegte Eier. Ich sehe einen Fernsehbeitrag, lese einen Zeitungsartikel und es lässt mich nicht mehr los. Ich bin ein Kopfmensch und ein ziemlich altmodischer noch dazu. Konservativ trifft es ganz gut. Über die heutige Partnersuche ging es in einem schlecht recherchierten Beitrag vor einigen Tagen. Moderne Beziehungen, die feiernde Jugend, die moderne technologische Entwicklung. Ein Querschnitt unserer Gesellschaft.


Meine Welt ist analog

Ich bin eher altmodisch. Ich mag Briefe, ziehe Gespräche einer digitalen Unterhaltung vor, ich mag wenn ein Mann mir die Tür aufhält, ich liebe Bücher und kann mit Readern und Kindeln wenig anfangen. Bücher sind meine Welt, ich liebe ihre Haptik, ihren Geruch. Mit den Fingern die Seiten umzuschlagen, gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit und Euphorie. In Buchhandlungen und Antiquariaten fühle ich mich zuhause. Noch heute kaufe ich Bücher nur um sie zu besitzen. 

Manchmal vergesse ich auf Nachrichten zu antworten und zuweilen habe ich das Gefühl in der falschen Zeit zu leben. Die Entwicklung geht rasend schnell, das Internet mit all den sozialen Netzwerken überfordert mich gelegentlich. Es schluckt viel Zeit, man schreibt, kommuniziert, kommentiert und mit einem Augenschlag sind plötzlich wieder einige Stunden ins Land gegangen. Ich merke  manchmal selbst, dass ich nicht nachkomme. Es ist ein dauerndes „Unter-Strom-Stehen“. Das macht Spaß und bereitet Freude aber zugleich ermüdet es. Es zehrt an meiner Energie, an meiner Fähigkeit zu entspannen. Immer wieder ertappe ich mich dabei wie ich auf mein Handy starre, eine neue Nachricht, ein neuer Kommentar. Mehrere Male am Tag, auch am Abend, wenn wir als Familie zusammenkommen. Ich finde es selbst bedenklich. Es ist eine Entwicklung, die ich zuweilen hinterfrage.

Ich bin offen für neues, aber die modere Zeit verunsichert mich. Welche Werte kann ich meiner Tochter noch übermitteln, welche Spielregeln werden herrschen, wenn sie eine junge Frau sein wird? Werde ich dann die konservative Mama sein, die so gar kein Verständnis für die neue Welt aufbringen wird?

Gefühle sind zeitlos

Meine Kindheit und Jugend war sehr beschaulich, meine Freundinnen und ich trafen uns nachmittags zum Spielen und Tratschen, streunten durch unser Viertel oder telefonierten stundenlang. Wir philosophierten über die unlösbaren Matheaufgaben, über unverständliche Chemieformeln und über den süßen Jungen aus dem Tanzkurs. Weltschmerz, Schmetterlinge im Bauch, das alles teilten wir mit Haut und Haaren aber immer real, immer persönlich. Wir schwärmten und litten, träumten und weinten. 

Als junge Frau wurde es komplizierter. Man verliebte sich, interpretierte, analysierte Verhaltensweisen des Gegenübers. Wenn ich etwas daraus gelernt habe dann eines: Wenn er sich nicht meldet, hat er kein Interesse! Punkt. Klare Ansage. Die ersten großen Gefühlen, die wirklich schmerzhaften Trennungen, das alles hat mich geprägt. Es waren Höhen und Tiefen, wichtige Erfahrungen. 

Das Kennenlernen verläuft heute anders als zu meiner Zeit: Heute wird gechattet, auf FB der Beziehungsstatus gecheckt, die Vorlieben und die Vorzüge ausgespäht. Ein bisschen Stasi für jedermann sozusagen. 

Verbindlichkeit ist eine Tugend

Beziehungen entstehen heute nicht selten übers Internet. Es gibt Blind-Dates, Single-Börsen, Partner-Börsen, Seitensprung-Plattformen. Tinder ist mir ein Rätsel. 
Top oder Flop, ein Bild, ein Like, ein Klick, ein Date, ein Onenightstand, wenn man Glück hat eine Affäre, wenn man den Jackpot geknackt hat, eine ernste Beziehung. 

Diese Unverbindlichkeit ist ein Phänomen, die sich wie ein roter Faden durch unsere Gesellschaft zieht. Spaß ja, Verbindlichkeit, vielleicht. Erstmal alles abchecken, schauen, ob es noch was Besseres gibt. Partyhopping, vage Zusagen, „vielleicht, kann ich es mir einrichten.  Ach, weißte was, ich schick dir nochmal eine WhatsApp.“

Kein Festlegen mehr, keine Romantik. Immer auf der Suche nach dem Kick, nach der Superlative. Es macht mir Angst. Was ist da draußen noch real, worauf können wir uns verlassen? 

Wie wird meine Tochter aufwachsen, wie werden ihre zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt werden? Und von was? Wird  sie ebenfalls wie wir damals auf einem Zettel „Willst du mit mir gehen? „Ja“, „nein“ oder „vielleicht“ ankreuzen? Oder wird sie das digital beantworten? 

Wäre ich heute auf Partnersuche würde ich wahrscheinlich ziemlich oft und ziemlich schnell auf die Schnauze fallen. Ich  habe das Spiel nicht durchschaut. Ich wäre sicherlich nicht vermittelbar und/oder ein leichtes Opfer.

Sind wir nur Stereotypen der Gesellschaft?

Selbst wir Eltern in stabilen Beziehungen müssen uns immer wieder beweisen und hinterfragen. Wie oft haben wir Sex, was ist normal, was nicht. Jede Woche erscheinen darüber neue Artikel in Zeitschriften und im Netz: "Beziehungskiller Kind", "wie bekomme ich wieder Schwung ins Eheleben". 

Selten geht es dabei um die Zuneigung, um die tiefe Verbundenheit zum Partner. Ist Sex etwa das einzige, was uns definiert, was eine Beziehung ausmacht? Man könnte es fast meinen. Wir sind keine Stereotypen, wir sind viel- und mehrschichtig und ganz gewiss wertvoller als uns die Allgemeinheit glauben lassen will.

Werte vermitteln

Die großen Gefühle finden für mich nicht nur auf dem Bildschirm, nicht nur auf der Leinwand statt. Sie sind ganz altmodisch nicht digital, sie sind analog, real und wirklich, vielleicht Relikte aus vergangenen Zeiten. 

Ich hoffe, meiner Tochter diese noch vermitteln zu können und wünsche ihr, dass sie ganz klassisch die große Liebe finden wird, dass sie Briefe schreiben, Bücher lesen und Beziehungen pflegen wird. 

Mit Sicherheit werde ich in ihrer Welt oft zurückbleiben, aber vielleicht kann ich ihr ein Stück von meiner mitgeben. 

Denn es gibt nicht nur Klick, Sex, Love. 
Manchmal, wenn es perfekt ist, gibt es einfach nur LIEBE. 
Ohne Wenn und ohne Aber.



Kommentare:

  1. Ich bin ja ein Mensch der Technik liebt und ja, vor 8 Jahren habe ich mein Freund im Internet kennengelernt. Dabei wohnten wir nur 3 km auseinander und kannten die gleichen Leute. Aber gesehen? Nein, nie.
    Doch wir trafen uns direkt nach 4 Tagen. Spontan auf ein Döner (Döneressen zum Date ist tooootal romantisch. Wann saut man sich mehr ein? Dönerladen war leider zu und somit wurden es Bürger, auch gut).

    Dennoch liebe ich Bücher, ich will sie haben und anschauen können. Benutze aber auch eBooks, die ich online aus der Stadtbibliothek Ausleihe. Wenn mir ein Buch gefällt wird es als echtes Buch gekauft.

    Ich hänge zwischen den Welten. Ich liebe die digitale Welt, verliere mich aber auch gern in der realen Welt.
    Vielleicht wird deine Tochter (und meine) auch so =)

    LG Bammy


    P.S.: ich schreibe Geschichten und meist lernen sich die Paare ganz altmodisch kennen, oft mit liebe auf dem ersten Blick. Total kitschig! ^^

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    1. Oh, das freut mich ja, dass ich mal eine positive Geschichte übers Onlinedating höre bzw.lese! Das macht mir ja Hoffnung, dass man da auch Glück haben kann und dass die Welt vielleicht nicht immer so oberflächlich ist, wie sie manchmal scheint. Schön, dass es bei euch so gut geklappt hat <3 <3 <3
      Ich denke unsere Kids werden noch viel mehr der digitalen Welt verfallen als wir es tun, aber vielleicht mögen sie ja auch ein klitzeklein Wenig unsere analoge. Das wäre irgendwie schön, so wie du sagst :-). Ganz liebe Grüße Anna

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