Der Körper nach der Schwangerschaft: Über Stereotypen und wahre Schönheit

Mittwoch, Mai 18, 2016



Die Geburt ist eine Naturgewalt, sie ist der Quell allen Lebens, durch sie kehren wir zu uns selbst, zu unserem Ursprung zurück. Nackt wurden wir geboren, nackt stoßen wir den Kreislauf des Lebens von neuem an. Es ist eine Urkraft, die in uns ist, die uns die Fähigkeit schenkt, über uns selbst hinauszuwachsen. Unser Körper ist ein Wunder: Er schenkt Leben und er verändert sich dabei: Wir werden schwerfällig, wir werden rund und geben ein Stück unseres alten Ichs dabei auf. 

Oftmals geht dieser Teil von uns verloren, bleibt auf der Wegstrecke der Schwangerschaft zurück und kommt nicht mehr wieder. Das mag zuerst wehmütig und traurig klingen; ich empfand es zumindest nach der Geburt so. Mein Körper hat sich gewandelt und ich gehöre nicht zu den Frauen, an denen die Schwangerschaft spurlos vorübergegangen ist.  Am Anfang fand ich es schlimm, heute habe ich erkannt, dass mein Körper mein Abbild ist. Er ist der öffentliche Teil von mir, das was meine Mitmenschen zuerst sehen. Er ist nun die ältere, etwas mitgenommenere Version meines jüngeren Ichs. 

Alle Mütter werden mir zustimmen, dass man spätestens beim Betreten des Kreissaales die Scham an der Eingangstür abgibt. Sämtliche Menschen sehen dich so wie du geschaffen bist, ein intimer Prozess findet unter den Augen von dutzenden Personen statt, die den Raum betreten und wieder verlassen.

Der Schmerz, diese Urgewalt, blendet letzten Endes alles aus. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob man natürlich entbunden hat, ob man einen Kaiserschnitt hatte, ob die Geburt über viele Stunden oder in nur kurzer Zeit von statten ging. 

Jede Mutter weiß um das Gefühlschaos während der Entbindung. Jede Mutter weiß um den Schmerz, um die Angst, um die Freude, um das Glück. Unser Körper ist Teil dieses Prozesses. Er ist Teil dieses Schmerzes, Teil dieser Angst, Teil dieser Freude und Teil dieses Glücks. 

Warum sollen wir ihn verurteilen (lassen) für all das was er doch großartiges geleistet hat? Er ist Teil der Evolution, Teil unseres Lebens. Mein Gewebe ist schlaffer, meine Brust nach dem Stillen kleiner, meine Hüften und mein Hintern sind runder. Eine lange Narbe des Schnittes zieht sich über meinen Unterleib. Ich finde mich nicht perfekt, ich sehe viel Verbesserungspotential, wenn ich in den Spiegel blicke. 

Und dennoch gibt es nichts an meinem Körper für das ich mich schämen müsste. Er ist schön, auf seine Weise. Ich musste erst mein Kind gebären, um das zu erkennen. Meine Narbe ist wie eine Tätowierung, sie wird mich stets an mein Kind erinnern. Ich verbinde mit ihr keine negativen Gefühle, ich sehe sie an und sie ist ein Teil von mir. 

Ohne Scham blicke ich mich an und weiß, es ist gut so wie es ist: Du bist gut so wie du bist. Eine Barbiepuppe bin ich nie gewesen. Straffen kann ich durch Sport, Kilos verlieren durch Abnehmen, aber  die Spuren der Schwangerschaft kann ich nicht retuschieren und ich möchte es auch nicht. 

Schönheit beginnt im Kopf, sie besteht nicht nur  aus unserem Körper, sie  besteht aus dem Zusammenspiel unseres Geistes, unseres Esprits und unseres Selbstvertrauens. Die Geburt ist eine Urkraft, die aus unserer Sexualität entspringt. Es ist diese Sexualität, die uns Kraft gibt, uns schön und stark macht. Und das ist gut so. Denn ich bin Frau und ich bin Mutter und ich bin schön.  
Nicht perfekt, aber genau richtig.



Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben! Ich fühle mich seit der Geburt auch viel wohler in meinem Körper.Ich bin irgendwie viel zufriedener und glücklicher mit meiner Figur als vorher und selbstbewusster <3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, liebe Nätty. Ja ich mich auch, durch meine Tochter hat ein weiterer Reifeprozess stattgefunden, ich sehe nun klarer und fühle mich mehr im einklang mit mir selbst! Ich finde es nur schade, dass ich mich früher weniger wohl gefühlt habe, obwohl ich viel besser in Form war. Man erkennt vieles leider erst mit zunehmendem Alter .

      Löschen