Die Zeit, die uns noch bleibt - Ein Brief an meine Mutter

Sonntag, Mai 08, 2016


Die Zeit rinnt mir durch die Finger. Während ich als kleines Mädchen und als junge Erwachsene das Gefühl hatte, ein unerschöpfliches Kontingent an Zeit zu besitzen, so merke ich in den letzten Jahren, dass das Leben wahnsinnig an Tempo zugenommen hat. Besonders seit ich selbst Mutter bin, weiß ich nicht wo die Zeit bleibt,  Tage und Wochen verfliegen mit einem Wimpernschlag. Und je schneller die Zeit vergeht, desto mehr wird mir bewusst, wie wenig davon uns zusammen noch bleibt. 

Du hast den größten Teil deines Lebens schon gelebt und es macht mir Angst, dass du eines Tages nicht mehr an meiner Seite sein wirst. Große Angst, denn ich bin eigentlich immer noch ein kleines Mädchen, das seine Mutter braucht, das DICH braucht. Du bist für mich meine Insel, mein ruhender Pol.  Und obwohl wir doch so unterschiedlich sind, so gleichen wir uns doch auch in vielen Dingen. 

Du kennst mich besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt, du hast mich geboren, großgezogen, geliebt, begleitet und mir beigestanden. Und das tust du immer noch. In allen Lebenslagen, obwohl du selbst nicht mehr so stark sein kannst, wie du sein solltest, weil die Krankheit dich gezeichnet hat.

So viele Unterschiede und doch so viele Gemeinsamkeiten

Wir hatten nicht immer gute Zeiten, wir hatten Höhen, wir hatten Tiefen, aber wir haben stets wieder zueinander gefunden.  In meiner Jugend sind wir einige Male aneinandergeraten, das Konfliktpotential war manchmal hoch. 

Du bist eine sehr stolze Frau mit einer starken Persönlichkeit. Jemand verglich dich mal mit einer Schauspielerin, die, sobald sie den Raum betritt, alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und den Raum zur Bühne wandelt. Du hast diese Gabe Menschen für Dich zu gewinnen, ihre Herzen zu erobern. 

Ich hingegen  bin eher introvertiert, komme in dieser Hinsicht nach Papa. Es ist schwer, meine Schale zu knacken. Wenige dringen zu mir durch.  Du bist einige dieser wenigen. Selbst wenn ich noch alle anderen täuschen kann, bei Dir gelingt es mir nicht. Du brauchst mich nur anzusehen und schon weißt Du wie es um mich bestellt ist. Egal wie viel Mühe ich mir gebe, dir kann ich nichts vormachen. 

Und obwohl wir auf den ersten Blick so unterschiedlich sind, so haben wir auch viel gemein: Wir sind leidenschaftlich und impulsiv, vorsichtig und dennoch mutig. Wir vereinen viele Widersprüche in uns, doch nach Außen zeigen wir jedoch selten Schwäche. 

Man muss für seine Ziele kämpfen

Papa und du habt mir ein sicheres Nest gebaut. Ich hatte eine schöne Kindheit und eine durchwachsene Jugend in der es einige Regeln gab. So manche Freiheit musste ich mir erkämpfen. Als junger Mensch fand ich das natürlich fürchterlich. 
Heute als Erwachsene bin ich euch sehr dankbar. Denn ich habe gelernt, dass es für alles seine Zeit gibt, dass nichts selbstverständlich ist, dass einem nichts in den Schoß fällt. Ihr habt mich stark gemacht, zu dem Menschen, der für seine Ziele und Träume kämpft. Ich bin euch, dir, Mama, unendlich dankbar für alles.

Als Mutter kann ich nun selbst deine Beweggründe besser nachvollziehen, deine Sorgen, deine Entscheidungen begreifen.  Ich hoffe, ich werde es selbst auch schaffen, meiner Tochter eine gute Mutter zu sein, so wie du es für mich gewesen bist. 


Du bist wunderbar so wie du bist

Ich habe tausend Erinnerungen, die ich niemals loslassen möchte. Als Du stundenlang neben meinem Bett saßt und mir Geschichten erzählt hast, wenn ich wieder mal nicht einschlafen konnte.  Wie du mich für deine Welt begeistern konntest, für Kunst, für Bücher, für Musik. So viele Lieder bringe ich mit dir in Verbindung, so viele Romane und Gedichte sind Teil deines Wesens.

Als meine erste wichtige Beziehung zerbrach, da zersprang meine Welt in tausend Scherben, ich war am Boden zerstört, weinte unendlich viele Tränen. (Heute im Nachhinein kaum nachvollziehbar). Du packtest daraufhin deinen kleinen Koffer und standst bei mir vor der Haustür.  Eine ganze Woche lang umsorgtest Du mich in meiner  kleinen Studentenwohnung, du hast mich bekocht, wieder meine Wäsche gewaschen, aufgeräumt, weil ich dazu nicht mehr in der Lage war. Du hast meine Tränen getrocknet, mir Mut gemacht, mir zugehört.  Ohne Wenn und ohne Aber.  In diesen Tagen hast du mir viel von Dir offenbart, von deinen Enttäuschungen, von deinem Glück, von deinem Leben. In dieser für mich schwierigen Zeit lernte ich dich besser kennen. 

Als ich mein Auslandssemester absolviert habe, da verreisten wir zusammen auf der Suche nach einem Zimmer für mich, wir erkundeten die Stadt, die mir ein Jahr lang eine neue Heimat werden sollte. Ich erinnere mich daran und fühle diese enge Verbundenheit zwischen uns. Als du abreistest und ich zurückblieb war ich traurig und ich weiß, du warst es auch.  

Ich habe so viel von Dir gelernt

Du hast mir so vieles beigebracht, Mama, du hast mich Mitgefühl gelehrt, Toleranz gegenüber meinen Mitmenschen, du lehrtest mich Dinge zu hinterfragen, nicht alles als Gegeben zu sehen, meinen eigenen Gefühlen zu vertrauen.   
Du hast mir gezeigt,  dass Freundlichkeit und Respekt unabdingbare Komponenten im Umgang mit meinen Mitmenschen sind, dass man  aber auch für sein Recht kämpfen muss, dass man Nein sagt, seine Grenzen deutlich macht. 
Ich habe dir viel zu verdanken. Eigentlich alles, denn du hast mir das Leben geschenkt.


Die Zeit, die uns noch bleibt

Ich bin unendlich dankbar, dass meine Tochter dich kennenlernen darf, dass du damals zurück ins Leben gefunden hast. Wärst du gegangen, ohne diesem wunderbaren kleinen Mädchen  zu begegnen, meine Welt hätte tiefe Risse. Ich weiß nicht wieviel Zeit uns bleibt, Mama, ich möchte es nicht wissen. Ich bin dankbar für jeden Tag, den wir zusammen haben, den deine Enkelin mit dir verbringen kann.  Sie gibt dir so viel Kraft, und wenn ich euch zusammen sehe, könnte ich manchmal weinen, vor Glück und auch vor Schmerz.

Ich möchte Dir danken, Mama. Für alles was du für mich getan hast, dass du der Mensch bist, der du bist. Ich möchte mich bedanken für die Zeit, die wir hatten und für die, die wir noch haben werden. 

Du hast einmal zu mir gesagt, dass diese Welt nur ein Durchgangsort ist, für jeden von uns. Wir sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Das stimmt, Mama. Aber solange ich lebe, wirst du in meinem Herzen für mich unsterblich sein. Und du wirst weiterleben durch deine Enkelin, die ein Teil von mir und widerum auch ein Teil von Dir ist. Ich liebe Dich, Mama, so sehr, dass ich es kaum in Worte zu fassen vermag.  Für mich bist du die beste Mutter auf der Welt und ich verneige mich ehrfürchtig vor Dir, für all die Liebe die du mir und nun auch meiner Tochter jeden Tag schenkst! Ich hoffe, dass wir noch viele, viele Jahre zusammen verbringen werden, aber eins ist gewiss: Ich werde dich immer lieben! Immer!



Kommentare:

  1. Wow, wieder ein Beitrag voll aus dem Herzen. Ich hatte beim Lesen einen richtigen Kloß im Hals. Man spürt so richtig deine Liebe!!! Ich kann deine Gedanken und Gefühle so gut verstehen. Meine Mum ist leider auch sehr krank. Man muss die gemeinsame Zeit, die einem bleibt auf jeden Fall richtig auskosten. Ganz liebe Grüße!!!

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    1. Ach, liebe Nätty, ich danke Dir für Deine lieben Worte! Es tut mir sehr leid, dass auch deine Mama krank ist, aber in einem hast du recht, man muss die Zeit zusammen viel mehr genießen. Eine ganz feste Umarmung!

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