Die Infantin und ihre zwei Untertanen

Mittwoch, Juni 15, 2016






Manchmal da könnte ich glauben, dieses Kind ist nicht von mir. Aber ich weiß es natürlich besser. Als Mutter und Frau kann man im Gegensatz zu einem Mann und vermeintlichen Vater kein Kind untergeschoben bekommen, außer es wurde im Krankenhaus vertauscht. Ganz clever gelöst von Mutter Natur.  Da kann man sich als Mama  einfach nicht mehr rausreden und aus der Verantwortung stehlen. Aus der Nummer kommt frau nicht mehr raus. 

Vertauscht wurde unsere Tochter definitiv nicht. Dazu gab es keine Gelegenheit. Unter den wachsamen Augen des Herrn Papa, der skeptisch und zugleich ehrfürchtig den neuen Mitbewohner in Augenschein nahm, wurde das eigene Erbgut seit der Geburt im Krankenhaus nicht aus den Augen gelassen. 

So ein kleiner Mensch, der plötzlich ganz groß war und uns gestandene Erwachsene erst einmal klare Ansagen und ziemlich ungeniert und wenig taktvoll gleich sein Revier absteckte und unsere gleichberechtigte Partnerschaft  mit einem Schlag zunichtemachte. 

Wer jetzt glaubt, unsere zuhause praktizierte Staatsform sei nun ein Triumvirat, der irrt, es herrscht eine Diktatur. Es klingt hart, ja, das ist es auch. Hier wütet nämlich ein Krieg. Ein Krieg der Welten: Ein Zwerg gegen zwei Riesen. 

Wenn die Infantin schläft, schleichen wir auf Socken wie Assassinen durch den Hausflur. Ich Bewegungslegastheniker tänzle elfengleich durch die Gänge, mache Luftakrobatik und fange umfallende Objekte im Flug, führe mit Handzeichen vollständige Konversationen und erledige während kurzen Nickerchen-Phasen im Schnelldurchlauf Hausarbeiten, für die ich mir früher sonst gerne immer viel Zeit und Muße gelassen habe. Olympiareif ist das. Ehrlich. Effektiv und anmutig zugleich. Hach, ich bin beeindruckt von mir selbst. Habe Tränen der Rührung in den Augen. Fast würde ich mir selbst auf die Schulter klopfen, allein mein Stolz hält mich zurück.

Mäusekinds Wohlbefinden ist hier im Hause oberste Priorität. Futterneid, früher von uns mit Inbrunst praktiziert, wurde nun vollends abgeschafft. Reichte der Herr Papa mir früher zähneknirschend nach Bitten und Betteln sein Butterbrot, braucht unsere Tochter nur darauf hinzudeuten und er überlässt es ihr großzügig ohne Widerrede. Schmiert ihr gar ein zweites. Ich werde neidisch, fühle mich ein wenig zurückgesetzt. 

Wir entwickeln uns zu Diplomaten, lenken schlichtend auf Mäusekind ein, denn ihr Unmut ist kein Spaß. Sie kann ziemlich übellaunig werden. Dieser Part war zuvor mir vorbehalten. Ich wurde meines Privilegs beraubt. Einfach so. Über Nacht. 

Das Klima hat sich hier verschärft, denn während ich nur lautstarkes Gemaule von mir gab, hallen nun spitzte Töne durch die Räume. Bei besonders schlechter Stimmung Schreigeschosse, bei Zorn fliegen Gegenstände durch die Gegend. Ein kleiner Choleriker macht sich dann mal so richtig Luft. Ob sie ein paar von meinen südländischen Genen abbekommen hat? Wahrscheinlich! Aber ich bin mir keiner Schuld bewusst. 

Manchmal herrscht dann hier Bombenalarm bis Brot und Spiele Wirkung zeigen. Denn wir Untertanen buhlen um die Gunst des kleinen Tyrannen. Ja, wir überschlagen uns mit Liebesgesten, Schmeicheleien, kleinen Aufmerksamkeiten, „Ohhs“ und „Ahhs“ und schmelzen bei jeder kleinen Zuneigungsbekundung unseres kleinen Zwergen nur so dahin. 

Verteidigen Verhaltensweisen, suchen Entschuldigungen und interpretieren Gesten und Taten fachmännisch, dass Freud echt nur noch einpacken könnte. Unser Spross ist eben kreativ und wir vermuten hinter manchem „Gugu“ und „Gaga“ einfach schlicht nur Genialität, ach was, wir sind sicher, bei unserer Tochter kann es sich nur um ein Genie handeln.

Ja, wenn wir unser Kind betrachten, dann schwelgen wir im Glück, sind selig und erfüllt von Liebe.

Wie nennt man das nochmal? Genau - Stockholm-Syndrom! ;-)



Kommentare:

  1. :D das kommt mir alles so bekannt vor!

    Wie sauber die Wohnung nach 15 Minuten Schlafen vom Katzenkind ist! Wahnsinn! Früher dauerte es bereits 15 Minuten darüber nachzudenken ob es wirklich sein muss ;)

    Aber ich mach schon immer das Essen, somit mach ich jetzt einfach mehr und es fällt kaum auf. Kein Futterneid :D

    Der Text ist so toll geschrieben! *gleich nochmal lesen muss*

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    1. Oh, dankeschön für das liebe Kompliment :-). Haha, ja, früher musste ich mich auch immer dazu aufraffen Hausarbeiten zu erledigen, jetzt nutze ich die Gunst der Stunde, wenn Mäusekind schläft. So schnell ändern sich Gewohnheiten :-)

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  2. Irgendwie kommt mir das bekannt vor... Sollte mir das jetzt zu denken geben?

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    1. Haha, ich glaube solange uns die lieben Kleinen so gut im Griff haben, brauchen wir uns keine Sorgen machen :-)

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  3. Sehr toll geschrieben!!! Wenn ich so drüber nachdenke, dann "herrscht" hier dieselbe Staatsform😜😜😜!

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    1. Dankeschön, liebe Claudia. Ich glaube diese Staatsform ist in manchem Haushalt weiter verbreitet als man denkt :-)

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