Mami unter jungem Gemüse

Freitag, Juli 08, 2016


Im Herzen fühle ich mich ja eigentlich jung. Mein Alter ist oft nur eine Zahl, die wenig über mich aussagt. Naja, so ganz stimmt das natürlich nicht, sie sagt etwas über meine Lebenserfahrung aus. Und ohne angeben zu wollen, die ist reichlich. Besonders in den letzten 10 Jahren hat sich da einiges angesammelt. Auf vieles davon hätte ich verzichten können. Anderes hat mein Leben unglaublich bereichert. Meine Tochter zum Beispiel. Ohne sie könnte ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen. Und dennoch erscheint es mir manchmal surreal, dass ich Mutter bin. Dass dieses kleine Mädchen meine Welt geworden ist. Dass sie in Teil von mir ist, tief verwurzelt in meinem Herzen. 

Man sieht mir nicht an, dass ich eine Mutter bin. Das wissen die Menschen, denen ich auf der Straße begegne, nicht. Und dennoch ist das ein ganz wichtiger Aspekt meines Ichs. Viele sagen ja, dass ich mich gut halte. „Was schon 36?“ werde ich manchmal gefragt. "Das sieht man dir aber nicht an." Ich selbst kann das irgendwie ganz schlecht beurteilen. Manchmal, da bin ich so hundemüde, da fühle ich mich uralt. Da sehe ich echt zum Fürchten aus. Gruselig. Wie gut, dass ich keine langen weißen Nachthemden trage, sonst wäre ich reif für die Rolle des Schreckgespenstes. Vielleicht sollte ich aber mal über weiße lange Gewänder nachdenken, die kaschieren nämlich gut die Problemzonen ;-).

Dann gibt es Tage da fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut. Da bin ich recht zufrieden mit meiner Welt und finde mich eigentlich auch ganz annehmbar für mein Alter. 

Und dann gibt es Tage, die sind wie aus einem Paralleluniversum. Heute war so ein Tag. 

Es verschlug mich nämlich an meine alte Alma Mater. Private Angelegenheiten, eine Schwangerschaft und ein Kleinkind haben die Veröffentlichung meiner Dissertation verzögert. Ich musste Verlängerung beantragen, weil meine zwei Jahres-Publikationsfrist bereits abgelaufen ist. Irgendwann muss man allerdings in die Pötte kommen und so beschloss ich zusammen mit einer Freundin, die mit mir das gleiche Schicksal teilt, dass wir einmal pro Woche zusammen in die Unibibliothek fahren und uns ans Überarbeiten unsere geistigen Ergüsse machen. Das Ganze bedeutet natürlich für mich einen mega großen Organisationsaufwand bezüglich Betreuung von Mäusekind, denn mein freier Tag geht damit flöten. Aber was sein muss, muss eben sein.

Gesagt - getan, zusammen betraten wir wieder die heiligen Hallen unserer Unibibliothek, die nach Renovierungsarbeiten zum Elitetempel der Geisteswissenschaften mutiert ist. Hochglanzweiß überall, Glastüren, Glasfronten, Multimediazentren, Weite und Raum wohin das Auge blickt. Modern und hell und schön.  Das prächtige, alte ehrwürdige Gebäude von Innen generalüberholt. Nicht mehr wieder zu erkennen. Aber in solch luftiger Atmosphäre arbeitet es sich hervorragend, ich konnte wirklich konzentriert vier Stunden produktiv sein.  

Doch das Aufsuchen dieses Ortes aus meiner Vergangenheit erweckte sowohl Begeisterung als auch Wehmut. Ein Mischmasch der Gefühle.
Schön war es damals als wir selbst noch Studenten waren. Es war so, als hätte ich an diesem Vormittag eine Zeitreise unternommen. Nur dass ich nun keine Studentin mehr bin, sondern Mama und mit dem Unileben nicht mehr viel gemein habe. 

Viele Jahre sind vergangen. Und diese Jahre trennen meine Freundin und mich auch von den übrigen Studenten, die sich dort tummelten. Zwei ganz verschiedene Welten prallten da heute aufeinander. Während wir schon Punkt neun fleißig über unseren Notebooks brüteten und Bücher wälzten, kamen die meisten gegen zehn, halb elf in den Lesesaal. Ausgeruht, frisch und rosig schauten sie aus. Die jungen Leute zu denen wir auch mal gehört haben. In Stöckelschuhen, in so kurzen Shorts, die ich nicht mal zuhause tragen würde,  Römersandalen bis zum Knie, aber auch adrette Hemd und Jeans-Träger waren anzutreffen. Die volle Bandbreite pulsierender Jugend geballt in einem Gebäude.

Ziemlich alt kam ich mir da vor mit meiner Problemzonen-bedeckenden Tunika und meinen Cargo-Jeans; ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich natürlich flaches Schuhwerk trug. Was ich übrigens fast nur noch tue. Nur zu ganz seltenen Gelegenheiten werden mal die High Heels ausgepackt. Aber ich muss gestehen, auch ich trug früher in der Uni hohe Schuhe. Manchmal kann ich es ja fast selbst nicht glauben, dass ich mal so fesch und adrett war.

Da pulsierte sie also, eine Horde lebenshungriger junger Menschen, die noch so viele Erfahrungen vor sich hat, mitten im Flow, mitten im Leben.
Mitten im Leben, mitten im Flow, das bin ja irgendwie auch ich, nur in einem ganz anderen Abschnitt, der so schnell an mir vorüberzieht wie ein ICE Zug. 

Auf dem Nachhauseweg reflektierten wir ein wenig: „Die sind heutzutage  aber ganz schön freizügig angezogen!“ sagte meine Freundin. „Hätte ich mich damals nicht getraut“. „Ich hätte es mir auch nicht leisten können“ erwiderte ich.“ Doch, doch das hätten wir sehr wohl, wir zwei waren damals zwei richtige Hungerhaken vor vielen, vielen Jahren. Weißt du nicht mehr?“ Doch, ich erinnere mich düster als die Wage mal  52 kg anzeigte. War das wirklich ich gewesen? Da musste man nicht sporteln, Lernen und Feiern war ja anstrengend genug ;-).

„Aber wir hatten damals auch ziemlich tiefe Ausschnitte, ich habe Beweißfotos von unserem Auslandssemester“ lachte sie laut auf. Und auf einmal lachten wir gemeinsam und blickten zurück. 

„Wir müssen dankbar sein für das was wir hatten und für das was wir haben“ fuhr sie fort, „das ist nicht selbstverständlich“.“ Ja, das müssen wir“ pflichtete ich ihr bei. 

Vielleicht gleichen wir ein wenig unserer renovierten Universitätsbibliothek: Außen alt und ehrwürdig, Innen strahlend schön ;-). Wir waren schließlich auch mal junges Gemüse. Eigentlich sind wir ja immer noch dieselben, etwas behäbiger, etwas spießiger, aber im Herzen immer noch jung und immer noch wir.


Kommentare:

  1. So ist es ;)
    Mir ging es ähnlich als ich letztens bei einem Blogger-Treffen in Düsseldorf war. Zwar war ich nicht umringt von geballter Jugend, doch hatte ich dort mit Anfang zwanzig eine Zeitlang gewohnt. Es war, wie du auch schreibst, wie eine Zeitreise. Mit meinem Bilderbuchmädchen an der Hand und nun seit Jahren schon ein Landei, zuckelte ich durch die Straßen der Großstadt an einem Sonntag um 12:00 Uhr mittags. Vor zehn Jahren hätte ich da wahrscheinlich in meiner kleinen Altbau-Wohnung noch geschlafen und mich von der letzten Party-Nacht (natürlich in hohen Schuhen) erholt. Die Zeit vergeht. Aber ich bin im Moment so glücklich, ich würde nicht wieder zurücktauschen wollen. Selbst wenn die Waage damals gnädiger war ;) An die 52 kg kann ich mich auch noch erinnern. Aber damals war mir das zuviel, wollte nie über 50 kg wiegen. Hach, was für Problemchen ;D

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    1. Es ist wirklich ungleaublich, wie sich das Leben ändert und was es mit uns macht, oder? Manche Ereignisse vergangener Zeiten kommen mir manchmal nur einen Wimpernschlag entfernt vor, andere hunderte von Jahre. Das Tempo ändert sich, vieles wird entschleunigt, so manches hingegen ist rasant schnell (vorbei). Auch ich möchte nicht mehr zurück, doch ich bin dankbar für die schöne Zeit meiner Jugend. So wie du es eben auch beschrieben hast. Hach mit 52 kg, war ich total glücklich, wenn ich heute die Bilder sehe, dann finde ich das so extrem dünn. Naja, jetzt brauchen wir nicht über mein Gewicht zu reden, weniger wäre auf jeden Fall wünschenswert ;-).Aber die Prioritäten ändern sich zum Glück!!! :-)

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