Du bist doof, du darfst nicht mitspielen – Handgreiflichkeiten bei Kindern

Dienstag, August 02, 2016


Seit unsere Tochter auf der Welt ist, treffe ich mich regelmäßig mit anderen Mamis aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Früher als wir alle noch in Elternzeit waren, fanden diese Treffen einmal in der Woche statt, heute sind unsere Zusammenkünfte zwar sporadischer aber nicht minder erfreulich, besonders weil die Kleinen nun miteinander immer mehr interagieren, sich füreinander interessieren und mittlerweile sogar zusammen spielen. Es macht große Freude zu sehen, wie sie Vertrauen in die Welt gewinnen, sich gegenseitig beschnuppern und sich inzwischen sogar kennen und begrüßen. Sie lernen Sozialverhalten, schauen sich vieles voneinander ab und erkunden ihr Umfeld.


Kinder lernen voneinander

Unsere Tochter ist nun mit 16 Monaten auch immer wieder von anderen ihr fremden und besonders von größeren Kindern fasziniert und versucht mit diesen zaghaft Kontakt aufzubauen. Als wir uns vor einiger Zeit eine Kita angesehen haben und uns die Leiterin durch die Räume führte, wollte sie gleich zu den anderen Kindern, um mit ihnen zu spielen und ihr Papa und ich waren erst einmal ganz uninteressant. Eigenständig entfernte sie sich von uns und betrat das große Spielzimmer während wir eine Führung durch die Toiletten und den Wickelbereich erhielten. Es war für mich eine ganz  neue Erkenntnis, sie zu beobachten wie sie inmitten dieses großen Raumes stand und überall die Kinder um sie herumwuselten und sie nicht genau wusste wie sie die Situation einordnen sollte und sie vom wilden Treiben in den Bann gezogen wurde.  Zwei Augenblicke später hatten sich bereits zwei ältere Mädchen um sie herum gesammelt und sie lachten und beschnupperten sich. Das Eis war schnell gebrochen.

Kinder sind impulsiv - sollten wir bei Fehlverhalten eingreifen?

Es sind nun aber auch Situationen eingetreten, in denen ich als Mutter selbst nicht genau wusste, wie ich mich verhalten sollte. Kinder sind bekanntlich manchmal unberechenbar und können auch sehr gemein werden. Solche Situationen hatten wir auch einige Male und ich wäre am liebsten gleich meiner Tochter zu Hilfe geeilt um sie zu retten. (Helikoptermutter-Syndrom lässt grüßen!) Doch ich habe mich immer zurückgehalten solange ich sicher war, dass diese Konfrontationen die Kleinen unter sich ausmachen konnten und die Sicherheit hatte, dass es meinem Kind gut geht.

Aber es gab auch einen Vorfall, der mich lange beschäftigt hat. Einmal beim Spielen schubste ein sechsjähriges Kind in einem Moment in dem es sich unbeobachtet fühlte unsere Kleine mit dem Ellenbogen richtig fest in die Seite, als sie sich ihrem Spielzeug nährte: „Das ist mein Spielzeug“, schnaubte es unsere Kleine an. Die Mutter griff nur halbherzig ein und ermahnte das Kind, so etwas mache man nicht, lies es dabei auch gut sein und wandte sich sofort wieder ab. 

Unsere Tochter war stark verunsichert, es war das erste Mal, dass sie körperliche Gewalt erfuhr, auch wenn sie nicht weinte, merkte ich sofort, dass sie nicht wusste, was sie nun falsch gemacht hatte. 

Das Mädchen hingegen maulte als Reaktion zu den Worten seiner Mutter etwas vor sich hin und wollte partout nicht sein Spielzeug teilen. Das kann ich durchaus nachvollziehen, Kinder müssen in meinen Augen noch nicht teilen, weil sie schlichtweg diesen Vorgang nicht begreifen können.  Besitz ist für sie etwas heiliges. Was mir aber wirklich sauer aufstieß, war die Reaktion der Eltern. Ich fand es nicht in meinem Aufgabenbereich, das Kind eines anderen zurechtzuweisen, aber das Verhalten einfach schnell abzutun, empfand ich in Anbetracht des Geschehenen ich irgendwie zu lau.

Ja, wir sollten erklären und nicht züchtigen

In meinen Augen kann man Handgreiflichkeit nicht einfach so unkommentiert stehen lassen und ich schritt ein. Ich erklärte dem Mädchen, dass meine Tochter doch noch ein Baby, sie aber bereits ein großes Mädchen sei und dass ihr Ausholen des Ellenbogens nicht in Ordnung sei. „Wenn du nicht möchtest, dass sie mitspielt, dann kannst du das sagen, aber du willst doch auch nicht, dass dich jemand schlägt.“ Ich weiß nicht, ob meine Worte wirklich gefruchtet haben, denn als sie sich wieder unbeobachtet fühlte, raunzte sie meine Kleine an:“ Du bist ja nur ein dummes  Baby, du weißt gar nichts.“ Ich muss ehrlich sagen, dass ich innerlich kochte. Wäre es meine Tochter gewesen, hätte ich die Situation nicht so auf sich beruhen lassen. Und ja, es mag sein, dass ich als Erwachsene vielleicht zu hitzig reagiert habe, denn schließlich hatte ich ja nur ein Kind vor mir. Dennoch bin ich der Ansicht, dass Kinder ab einem gewissen Alter -und da zählen sechs Jahre durchaus dazu-, Zusammenhänge und Verhaltensweisen verstehen und begreifen können. 

Kinder lernen von uns

Erst vor einigen Tagen schubste eine Dreijährige unsere mittlerweile 16 monatige Tochter um, weil unser kleiner Nimmersatt dem Kind, sein Stück Kuchen abnehmen wollte. Die Situation wurde allerdings augenblicklich von der Mutter des Mädchens entschärft, die gleich zur Stelle war und eingriff. Sie ermahnte das Mädchen, dass man so etwas nicht mache. Unser Kind hatte sich auch nichts getan, sie fiel einfach nur auf ihren Popo und ich versuchte Mausekind zu erklären, dass das nicht ihr Essen sei und gab ihr ein eigenes Stückchen Kuchen. Die Situation wurde durch uns Eltern sofort aufgelöst und die beiden Kinder  beschäftigten sich auch danach noch weiter miteinander als ob nichts geschehen sei.

Gewalt darf niemals tolleriert werden

Kinder reagieren impulsiv und alle neuen Situationen tragen dazu bei ihr Sozialverhalten und ihre Sozialkompetenz zu bilden und zu schärfen. Es fällt mir nicht immer leicht, mein Helikopter-Mama-Gen zu unterdrücken, aber ich denke, dass wir uns zurückhalten sollten solange die Kinder keinen Schaden davontragen und sie es unter sich auflösen können. 

Sobald aber Gewalt ins Spiel kommt, müssen wir Eltern sofort intervenieren und erklären, warum dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Das sollten wir übrigens nicht nur bei unseren eigenen Kindern tun, sondern auch bei fremden. Denn so funktioniert das soziale Gefüge, wegschauen hat noch nie jemandem geholfen, den Betroffenen am allerwenigstens. Wie sollen Kinder lernen, dass schlagen und hauen nicht in Ordnung sind, wenn wir Erwachsenen ihnen das nicht erklären?

Wie seht Ihr das? Würdet ihr eingreifen oder es die Kleinen unter sich regeln lassen?

Alles Liebe 

Eure Anna




Kommentare:

  1. Helikoptermutter-Syndrom ... Ich glaube in diesem Zusammenhang ist dieses Wort vollkommen falsch. Es ist rein menschlich, dass wir unsere Kinder beschützen wollen, wenn ihnen unrecht passiert. Deinem Kind wurde weh getan!
    Da wären auch fast alle Tiere heli-moms weil sie ausrasten, wenn der Mensch ihr Baby wegnimmt...

    Im Haus leben ganz viele Kinder und oft spielen sie friedlich miteinander, selbst die Kinder vom Nachbarhaus kommen mit. (unsere Gärten sind auch mittlerweile verbunden, damit die 10-12 Kinder zusammen spielen können).

    Und manchmal klappt es halt nicht. Da wird da was (mutwillig) kaputt gemacht. XyZ hat heute keine Lust mit ZYX zu spielen und plötzlich spalten sich die Lager. Ein Kind verlor bei einem Spiel und sitzt eingeschnappt auf der Treppe. Aber so ist das halt. Bei diesen Situationen klärt es sich selbst nach paar Minuten oder spätestens am nächsten Tag.

    Aber manchmal ist Rini auch die ausgestoßene weil sie halt noch nicht reden kann und nur tut. Da wird halt die eine böse, weil sie ihr dem Besen wegnehmen will. Da beschwichtigen ich auch mal, dass Rini doch noch so klein ist und das nicht versteht. Sage aber auch was zu Rini und geh manchmal mit ihr weg.

    Doch als A. mutwillig Rini wehtat wurde ich böse. Einmal mit dem Laufrad Rini umgeschubst und drüber fahren wollen! Ich dachte ich sehe nicht recht!
    Ich wütend geworden und A. war es vollkommen egal! Bin ich halt zu ihrer Mutter, als diese wieder da war (war allein im Hof mit der ganzen Rasselbande) ... Aber selbst das Gemeckere von der Mutter half nix...
    A. (2 Jahre) hat ein Bruder (8) der in der Schule gemobbt wird und der lässt sein Frust an seiner kleinen Schwester aus. Sie dadurch natürlich an Kleinere.

    Na, bin gespannt. In zwei Wochen geht die Eingewöhnung los.

    LG Bammy

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    1. Oh jeh, ich kann das total nachvollziehen, dass dich das mitgenommen hat. Ich hätte genauso reagiert wie du, verucht dem Kind zu erklären, dass das absolut nicht geht und danach das Gespräch mit der Mutter gesucht. Das ist in meinen Augen auch total wichtig, weil Eltern den größten Einfluss auf ihr Kind haben, doch leider stimmen manchmal schon dort die Strukturen nicht und Kinder wissen nicht anders mit ihren Gefühlen umzugehen als mit Wut und Gewalt. Im Grunde tun mir die Kleinen auch leid, weil sie es nicht besser wissen und ihnen irgendwie auch keiner hilft oder sie an die Hand nimmt. Das ist nämlich der Job von uns Erwachsenen. Aber Handgreiflichkeiten dürfen einfach nicht tolleriert werden! Wie die Eingewöhnung funktionieren wird, davor habe ich auch ein wenig Bammel. Allerdings glaube ich fast, dass unsere Kleine das besser wegstecken wird als ich. Aber besser so als umgekehrt. Ich bin gespannt! LG!

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