Fremdsein

Dienstag, August 23, 2016




Fremdsein im eigenen Land. Dieses Gefühl ist mir vertraut. Aus meiner Kindheit, aus meinem Erwachsenenleben. Als Kind einer Italienerin und eines Deutschen in einer Kleinstadt aufgewachsen, spürte ich die Blicke der anderen, wenn meine Mutter mit mir unterwegs war. Man sah es mir an, das südländische Kind mit den dunklen Augen, dem dunklem Haar und dem olivenfarbigen Teint.  Die Leute musterten uns, wenn meine Mutter und ich in der Öffentlichkeit Italienisch miteinander sprachen. 

Noch heute spüre ich die auf uns gerichteten Blicke, die uns durchbohrten.  Deutsch lernte ich erst im Kindergarten sprechen. Meine Eltern unterhielten sich zuhause auf Italienisch und ich kann mich an meinen ersten Tag im Kindergarten erinnern, das Gefühl mich nicht verständigen zu können. Es war schlimm, doch auch recht bald überwunden. 

Dieses Anderssein, dieses Fremdsein, begleitete mich jedoch noch sehr lange. Es war immer das Gefühl nicht dazuzugehören, nicht ins Schema zu passen. Mein ausländischer, fremd klingender Name war nicht selten ein Hindernis. Oft falsch ausgesprochen sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern. Es fiel mir schwer, es lastete auf mir. 


In Italien blühte ich hingegen auf, dort fügte ich mich ins Bild und fühlte mich dazugehörig. Als ich größer wurde, dolmetschte ich vieles für meine Mama, weil mein Deutsch besser war als ihres. Sie hat sich hier nie richtig heimisch gefühlt, sie vermisste ihre Heimat, die Herzlichkeit der Menschen, die sie aus Italien gewohnt war. 

Heute sind seitdem viele Jahre vergangen und einiges hat sich geändert. Die Menschen sind weltoffener geworden, fremde Kulturen haben Einzug gehalten in unseren Alltag. Kulinarische Vielfalt wohin das Auge blickt. 
An der Universität spielten Nationalitäten dann überhaupt keine Rolle mehr, ich lernte wunderbare Menschen kennen, die ich sehr schätze und ins Herz geschlossen habe. 

Als Erwachsene bin ich nun selbstbewusst, ich bin stolz auf meine Wurzeln, dankbar für meinen Hintergrund, es ist ein Geschenk zwei unterschiedliche Kulturen in sich zu vereinen, fließend zwei Sprachen zu sprechen. Und dennoch erschrecke ich heute immer wieder vor dem Fremdenhass, der hier in Deutschland wächst. 

Im Alltag sehe ich viele Flüchtlingsfamilien, die unserer Sprache nicht mächtig sind, die ausgegrenzt und angestarrt werden. Weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie sich anders kleiden. Ich sehe die Kinder am Rockzipfel ihrer Mütter hängen, Mütter die ihnen Schutz und Geborgenheit geben in einem Land, in denen ihnen dies genau nicht entgegengebracht wird. Manchmal würde ich sie gerne umarmen und ihnen sagen, dass alles gut wird. Dass ihre Entbehrungen Früchte tragen werden, dass ihren Kindern nun eine bessere Zukunft ermöglicht wird. 

Aber natürlich mache ich das nicht, ich gehe an ihnen vorbei. Wenn es mir möglich ist und es sich ergibt, schenke ich ihnen ein Lächeln. Und sie lächeln meistens zurück. Es ist eine stille Geste der Solidarität. Ich kann mir nur ausmalen, was diese Menschen erlebt haben und mein Herz blutet an den Gedanken daran. Mein größter Wunsch ist, dass wir eines Tages ganz vorurteilsfrei einander die Hand reichen können.

Als unsere Tochter geboren wurde, entschieden wir uns für einen italienischen Namen. Ganz bewusst. Die ältere Generation kann ihn oft nicht aussprechen. Auch jüngere Menschen haben so ihre Schwierigkeiten damit. Nicht selten wird der Name dann eben von unserem Gegenüber einfach auf Deutsch ausgesprochen. Dann wiederhole ich ihn ohne Scham und mit Nachdruck. Weil anders normal und selbstverständlich sein soll. 

Die Vielfalt soll nicht ausgrenzen, sondern bereichern. Ich hoffe, dies meinem Kind mit auf dem Weg geben zu können. Sie soll wissen, woher sie kommt, ihre Wurzeln kennen und selbstbewusst damit umgehen und auch anderen fremden Kulturen mit Freundlichkeit und Neugier begegnen. Es liegt an uns Eltern die Weichen dafür zu legen. Dass und das gelingt, wünsche ich mir und ihr aus ganzem Herzen.

Alles Liebe

Eure Anna

Kommentare:

  1. Hallo Anna,
    ich kann dich voll und ganz verstehen. Ich als Tochter als "Afro-Deutsche" kenne das Gefühl fremnd im eigenen Land zu sein. Es ist schade, denn immer wieder hatte ich das Gefühl, ich müsst anders sein. Ich passe nicht hier her, obwohl ich doch hier geboren wurde. Ich habe bis heute gebraucht um mich vollkommen selbst zu akzeptieren. Weniger wegen der Gesellschaft. Natürlich erschwerte sie es, doch letztendlich hatte ich mich selbst zur Fremden erkoren, indem ich mich selbst ablehnte. Keiner sollte sich schämen müssen er selbst zu sein. Keiner sollte etwas an sich verbergen. Wir sollten alle stolz sein, für das wer wir sind. Daher ein wunderschöner Beitrag :) Mach weiter so!

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    1. Liebe Sahra, du hast so Recht: Im Grunde stehen wir uns oft selbst im Weg. Aber verwerflich ist das nicht, es sind viele (Lern)prozesse notwendig, bis man soweit ist. Es ist ein großer Schritt, dass man das erkennt und dann zu verändern sucht. Ich danke dir für deine lieben Worte! Und wie du sagst: Wir sollten stolz auf uns sein, unsere Wurzeln sind ein wichtiger Bestandteil unserer Identität. Eine feste Umarmung!

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  2. Als ich Rini bekam, lag eine Frau in meinem Zimmer die aus ein russisch sprachigen Land kam. Sie sprach aber gut englisch - das Klinikpersonal aber nicht.

    Sie schrien sie förmlich mit ihrem deutsch an, als würde sie es damit verstehen. Hab auch gesagt, dass sie englisch oder russisch spricht und nicht taub ist!

    Hab soweit alles über setzt, soweit es mir möglich war und sie auch eingeführt, wenn sie wohin sollte.

    Fand ich unmöglich. Ich hasse auch den Fremdenhass in meiner Familie. Ich versteh es nicht...

    Ich finds zumindest cool das du halb Italienerin bist =)

    Der exfreund meiner Halbschwester ist Italiener (Andrea :D sehr lustig im deutschen!) und mein Vater mal zu ihm Itaka gesagt O.O Unmöglich...

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    1. Eingeführt=rumgeführt o.o

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    2. Das ist wirklich schlimm, ich kann so ein Verhalten auch nicht verstehen. Ich glaube Hass kann bei allem entstehen, was man nicht versteht, wovor man selbst Angst hat. Eine fremde Kultur, andere Sitten, eine fremde Sprache, das kann schwache Menschen verunsichern und zu solchen Verhalten anleiten. Es zeugt im Grunde von einer sehr schwachen Persönlichkeit, meist sind solche Personen ja auch nur im Rudel stark. Schön, dass du eingegriffen hast! Das war für deine Zimmergenossin bestimmt sehr wichtig. Zivilcourage ist so wertvoll!
      Ich finde es übrigens auch ganz toll, italienische Wurzeln zu haben! :-) Ein wunderschönes Land, die Wiege der Kultur und super tolles Essen. Was will man mehr ? ;-) Ganz liebe Grüße :-)

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  3. Ein wirklich schöner Artikel �� Hat mich sehr berührt!

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    1. Dankeschön, meine liebste Nätty! <3 <3 <3

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