Angst

Sonntag, November 06, 2016


Es ist ein sonniger Tag, als du plötzlich über starke Schmerzen klagst. „Es wird schon nichts schlimmes sein“, beschwichtigst du mich, damit ich mir keine Sorgen mache. Ich glaube dir zunächst, merke aber bald, dass etwas nicht stimmt. Du wirkst blass und mitgenommen, sehr schwach mit schmerzerfülltem Gesicht. Ich rufe den Krankenwagen. 

Fahre hinterher, begleite dich wie so oft mit der Angst im Nacken. Not-Operation. Ich gebe mir dir größte Mühe ruhig zu bleiben. Ich mache mir selbst Mut, versuche beruhigend auf mich einzuwirken, meine Gedanken ins Positive zu lenken. "Alles wird gut", sage ich mir immer und immer wieder. Aber die Lage ist ernst.
Die Ärzte müssen erneut eingreifen, dir einen weiteren Schnitt setzten.

Ich ringe um Fassung, versuche stark zu sein. Aber ich bin es nicht. Ich tue nur so. Dein Zustand verschlechtert sich.
Gestern bekomme ich einen Anruf aus dem Krankenhaus, ich gehe mit zittriger Stimme ran. „Wir müssen Ihre Mutter auf die Intensivstation verlegen, ihre Werte sind kritisch, ihr Allgemeinzustand sehr bedenklich“. Man bittet mich darum, die Vorsorgevollmacht und die Patientenverfügung mitzubringen.  „Ja, natürlich“ sage ich, während es mir einen Schlag in die Magengrube versetzt.  Ich habe das Gefühl keine Luft zu bekommen,  mir wird Schwarz vor Augen. Mein Mann fängt mich auf, ich breche in Tränen aus. „Mama Aua“, ruft meine Tochter und umarmt mich und ich sacke noch ein klein wenig mehr zusammen und schäme mich, dass ich nicht stark genug bin. 

Als ich dich besuche, bist du ganz benommen von den vielen Medikamenten. Du bittest mich um Wasser. „Danke“, sagst du mit einem Hauch einer Stimme als ich es Dir reiche. „Hast du dich ausgeruht“, fragst du mich, immer um mein Wohl besorgt. „Ja, Mama“, sage ich, „mach Dir keine Sorgen“ während ich leise weine. „Versuche nun etwas zu schlafen und Kraft zu tanken“. „Ja“, sagst du, „ich bin sehr müde“.

Ich sitze eine ganze Weile an deinem Bett und halte Deine Hand. Mein Herz setzt manchmal aus. Aus Angst, aus Schmerz. Zumindest habe ich das Gefühl. 

Es fällt mir schwer, wieder zu gehen, aber ich muss zurück zu deiner Enkelin. Im Delirium verwechselst du manchmal unsere Namen. Es ist mir unbegreiflich, warum Dinge passieren. Als ich nachhause komme, ruft meine Tochter: „Mama! Nonna!“ 
 „Nonna ist nicht da“, sage ich leise. „Nonna weg?“ ruft sie mit fragender Stimme.
“Ja, Nonna weg“, wiederhole ich und nehme sie in den Arm. Tränen laufen mir über die Wangen, aber zum Glück hat sie es diesmal nicht gemerkt. Ich halte sie ganz fest, wische meine Augen trocken und mache uns Abendbrot.



Kommentare:

  1. Oiii! :'(
    Ganz viel Kraft wünsche ich Dir. Nicht um "stark" zu sein, sondern um trauern zu können. :*

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