Mutter werden ist nicht schwer, es zu sein dagegen sehr

Montag, Februar 06, 2017


Wenn ich an meine Tochter denke, dann fühle ich Liebe. Pure, tiefe, unendliche Liebe. Sie ist der Grund, der meinen Tag erhellt, egal wie schlimm und zermürbend er auch gewesen sein mag. Wenn sie mir ein Lächeln schenkt oder ihre Arme nach mir ausbreitet während sie freudestrahlend auf mich zurennt und ihre helle Stimme erklingt, dann geht mein Herz auf. Wenn sie ihr Köpfchen auf meine Schulter legt und "Mama lieb" murmelt, dann könnte ich vergehen vor Glück. Dann ist es so als würde mein Herz zerspringen vor Liebe. Jeden Tag bin ich dankbar für dieses wunderbare kleine Wesen, das immer größer wird und unser aller Welt komplett auf den Kopf gestellt hat.

Aber natürlich gibt es auch jene Tage, an denen alles schwer fällt. An denen man kaum noch Energie hat, sich selbst ins Bett zu schleppen, man keine Kraft mehr hat, das Kind in den Schlaf zu begleiten, einen Wutanfall abzudämpfen oder einfach nur ihrem Spiel- und Bewegungsdrang nachzukommen. Tage, an denen man sich gerne einfach nur verkrümeln würde unter die Decke, abgeschottet von der Welt. Auch diese Tage gibt es, an denen man ungeduldig und gereizt ist und unrecht handelt. Tage an denen man tadelt, zurechtweist, ermahnt. Diese Tage gibt es und sie wegzuleugnen wäre Selbstbetrug. Tage, an denen die Ungeduld Überhand nimmt, an denen nichts schnell und gut genug geht. An denen man all seine letzten Reserven zusammenkratzen muss, um nicht zu explodieren und sich zusammenreist. An denen man mal für ein zwei Stunden die Verantwortung gerne einfach mal abgeben würde. 


Als Mutter will man alles richtig machen, das beste geben für seine Kinder.  Aber wir sind ja nicht unfehlbar. Wie viele Müttern konnte ich vor der Geburt mit Begriffen wie Attachment Parenting und bedürnisorientiertem Handeln nichts anfangen. Und auch heute halte ich wenig von Theorien über Erziehung und Elternschaft. Als Mutter habe ich ein Gespür für mein Kind. Ich merke was ihm gut tut, was ihm schaden kann und was es braucht. 

Dass man Nähe niemals verwehren sollte, dazu brauche ich keinen Ratgeber. Und dennoch hat man den Eindruck, dass man Angesichts der Flut an Ratgebern ohne diese niemals in der Lage wäre, den Elternjob gut zu erledigen. Ohne Anleitung schaffen wir das nicht -  das wird im Grunde suggeriert. Doch, wir schaffen das! Wir müssen nur auf unser Bauchgefühl vertrauen, denn eins ist sicher, in die Mutter- und Vaterrolle wird man nicht automatisch reingeboren. Es ist ganz natürlich, dass man viele Unsicherheiten hat, dass man mit vielen neuen Situationen konfrontiert wird, die einen zuersteinmal überfordern. Aber man wächst mit seinen Aufgaben heißt es ja bekanntlich. Und so ist es.

Generationen vor uns hatten keine Ratgeber. Sie hatten ihre Hebammen und ihre eigenen Mütter, die sie um Rat bitten konnten. Im Umgang mit einem Säugling habe ich am meisten von meiner Hebamme gelernt. Die Ratgeber verstaubten auf dem Nachttisch, ich kam nie richtig dazu eines zu lesen und ich muss gestehen, es hat weder mir noch meinem Kind geschadet. 

Von Titeln wie "Jedes Kind kann schlafen lernen", halte ich ebenso wenig. Sie sind für mich der Inbegriff seelischer und körperlicher Grausamkeit. Kinder lernen nicht schlafen. Sie brauchen Eltern, die sie durch Ruhe und Nähe in den Schlaf begleiten,  ihnen helfen abzuschalten und den Tag zu verarbeiten. Das bedeutet eben auch, dass man vielleicht keine Lust dazu hat. Dass man am liebsten selbst schlafen würde, statt dem Säugling oder dem Kleinkind Ruhe und Gelassenheit zu vermitteln. Und glaubt mir, ich weiß wovon ich spreche. Auch ich habe etliche Abende das Handtuch geworfen und bin mit Mäusekind wieder ins Wohnzimmer marschiert, weil sie einfach nicht zur Ruhe kommen wollte. Vielleicht waren wir auch kurz vor dem Einschlafen, aber ich habe vor Müdigkeit und Erschöpfung die Signale nicht erkannt und den Moment verpasst. Wir machen mit Sicherheit Fehler, aber das wichtigste ist doch im Grunde, dass wir diese akzeptieren und daraus lernen.

In allem was wir tun werden wir bewertet, wir messen uns mit anderen Müttern und fühlen uns schlecht, wenn wir nicht gestillt haben oder sind entrüstet, wenn Mütter unserer Meinung nach zu lange Stillen. Jede Mutter kann am besten beurteilen wie ihre Situation ist, was das richtige für  Mutter und Kind ist. Uns in eine ganz persönliche und enge Beziehung einzumischen, empfinde ich als anmaßend. 

Warum sollten wir uns schlecht fühlen, nur weil andere es anders machen? Warum haben wir Versagensängste, wenn bei uns nicht alles wie am Schnürchen klappt? Warum ist der Druck so groß? Und wessen Druck beugen wir uns da eigentlich? 


Es ist ok, mal fünf gerade sein zu lassen, solange es die Ausnahme bleibt. Es ist ok, auch mal nachzugeben, wenn man gerade einen schwachen Moment hat. Davon wurde noch kein Kind verzogen. Es ist menschlich Fehler zu machen, mal gereizt und ungeduldig zu sein. Man sollte nur wieder schnell die Kurve kriegen.  

Eltern zu sein ist nicht einfach. Das hat keiner behauptet. Aber es ist auch nicht die Erklimmung des Mount Everest. Es ist ein Zusammenspiel von Liebe und Geduld aber auch von Ungeduld und Überforderung. Es ist ein Teil des Lebens, der unterm Strich uns das Wichtigste mit auf dem Weg gibt: Bedigungslose Liebe braucht keine Perfektion.


Alles Liebe

Eure Anna


Kommentare:

  1. Danke für diesen schönen Text. Man sollte öfter auf das eigene Bauchgefühl hören und sich nicht immer unter Druck setzen, diese Einstellung ist total befreiend. Meine Kinder sind keinen strengen Regeln unterworfen und schlechte Laune steht mir genau so zu wie ihnen übrigens auch. Toller Text! LG aus Bayern!

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    1. Oh ja, das stimmt. Schlechte Laune steht jedem zu :-) Liebe Grüße :-)

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