Schattenseiten

Dienstag, April 11, 2017


Studieren mit Kind ist kein einfaches Unterfangen. Es ist ein Spagat zwischen Alltag, Verpflichtungen, Zielen, Bedürfnissen und Träumen. Und zwar für jeden einzelnen von uns. Meinem Kind, uns als Familie und uns als Paar gerecht zu werden, mich selbst dabei nicht zu vergessen, das ist manchmal wie ein Tanz auf einem Drahtseil. 

Es spielt dabei keine Rolle, wie alt man ist. Sobald man Verantwortung trägt, relativieren sich die Dinge. Alles erscheint weniger bedeutsam im Hinblick auf die wahren Werte. 

Ich bin gelassener was Zensuren angeht, mein Bestreben ist nicht mehr Bestleistungen zu erreichen. Warum sollte es das auch sein? Es gibt für mich nun so viel wichtigeres, da ist eine Note doch nur eine kleine Randnotiz. Andererseits merke ich, dass es unheimich viel Kraft kostet, sich erneut auf dieses Leistungsniveau einzulassen. Sobald man zuhause die Tür hinter sich schließt, ist man nicht mehr Studentin, dann ist man wieder Mama. Mit Leib und Seele. Man tröstet und kuschelt, man trockent Tränen, man lacht und tobt, spielt und schimpft. Dann kann man es vergessen, nocheinmal ein Buch in die Hand zu nehmen und zu glauben, man könnte sich konzentrieren, während die eigene Tochter die volle Aufmerksamkeit fordert, die ihr ja auch zusteht.


Mein erstes Semester ist schon vorbei. Ich habe ein dreiwöchiges Praktikum absolviert und Anfang der Woche meine erste Klausur hinter mich gebracht. Den Arbeitsaufwand dafür hatte ich unterschätzt und ich bin mir nicht sicher, ob es gereicht hat, ob ich nicht nocheinmal antreten muss. Es war schwierig im Beisein meiner Tochter zu lernen und meine Selektion des Stoffes war zu knapp bemessen. Mal sehen, was draus wird. 

Ich bin nicht traurig, aber es würde mich ärgern, nocheinmal das Ganze durchlaufen zu müssen. Denn Zeit ist für mich sehr kostbar, weil ich kaum welche habe. Sie mit der Wiederholung einer Prüfung zu füllen, würde mich ein großes Stück davon einbüßen lassen.

Letzte Woche kam ich wirklich an meine Grenzen, da merkte ich, Scheiße, es ist ein Balanceakt, ein feines Konstrukt, das schnell einzustürzen droht. Ich musste die Sprechstunde eines Dozenten aufsuchen, weil die Möglichkeit besteht, mir einige Prüfungsleistungen aus meinem Erststudium anerkennen zu lassen. Punkt zwei, zu Beginn der Sprechstunde, war ich zur Stelle: Doch als ich ankam, waren bereits vier weitere Studenten vor mir an der Reihe. Ich wartete und wartete und kam schließlich erst um vier Uhr dran. Als ich den Raum verließ, war es halb fünf. Und ich rannte. Ich rannte so schnell ich konnte in die Kita, die um 17 Uhr ihre Pforten schließt. 

An jenem Tag fand im Kindergarten ab zwei Uhr das Elternkaffee zum Einleiten der Osterferien statt, in meiner ursprünglichen Planung dachte ich, dass ich gegen drei Uhr dazustößen könnte. Daraus wurde aber nichts, ich hatte nicht damit gerechnet so lange aufgehalten zu werden. Als ich kurz vor 5 vor der Kita stand, da waren keine Eltern mehr da. Alle waren schon gegangen. 

Meine Tochter wurde als letzte von mir abgeholt. Ich fühlte mich fürchterlich, mein Herz blutete, so als ob ich sie im Stich gelassen hätte. 

Während alle anderen Kinder mit ihren Eltern einen vergnüglichen Nachmittag verbracht hatten, war ich nicht zur Stelle gewesen. Meine Planung ist an jenem Tag nicht aufgegangen. Sie lief aus dem Ruder. Und ich merkte, heute bin ich an meine Grenzen gekommen. Und zwar wirklich an meine äußersten Grenzen. 

Mäusekind schien nicht sonderlich traurig, sie genoss die volle Aufmerksamkeit zweier Erzieherinnen, die sich mit ihr im Garten aufhielten. Sie versicherten mir, dass die Kleine einen schönen Tag erlebt und viel Spaß gehabt hatte und sie schien mir wirklich nicht betrübt. Ich war es jedoch umso mehr.

Die Doppelbelstung hat ihre Schattenseiten. 

Ich werde mit Sicherheit nicht allen Ansprüchen gerecht werden können. Meinen eigenen am allerwenigsten.

Alles Liebe

Anna


Kommentare:

  1. Manchmal, wenn irgendwas nicht funktioniert wie ich es möchte.. und wir dadurch 10-15 Minuten zu spät zur Kita kommen, fühle ich mich auch hundeelend.
    Da ist Rini schon jeden Tag 10 Stunden in der Kita und ich schaffe es einfach nicht immer, sie pünktlich abzuholen. Einmal bin ich auch durch die Stadt gerannt, damit sie nicht zu lange warten muss. Mir war schlecht vom Rennen und im Endeffekt, war alles in Ordnung. Sie hatte Spaß und keinen störte es, dass ich zu spät kam. Nur mich störte es.

    Studieren mit Kind finde ich auch sehr schwer... Ich hätte kein Kopf fürs Lernen und bewundere dich, dass du es dennoch irgendwie hinbekommst.

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    1. Ja, es ist nicht immer einfach. Ich glaube uns Mütter belastet das auch mehr, die Kids merken (noch) nicht, was so alles hinter den Kulissen läuft, und das ist auch gut so. Solange sie unbeschwert sein können, ist ja alles ok. Wir alle leisten viel, allein dadurch, dass wir Mütter sind. Ob Beruf oder studium, es ist immer ein Spagat.

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