Von Müttern und Töchtern - von Liebe und Schmerz

Freitag, April 28, 2017


Langsam nährt sich der Muttertag und meine Gedanken kreisen oft um den letzten, den ich vergangenes Jahr mit meiner Mutter erleben durfte. Damals als ich ihr diesen Artikel widmete,  ahnte keiner von uns, dass uns noch so wenig Zeit bleiben würde. Dennoch bin ich irgendwie auch dankbar, dass ihr Tod bis kurz vor ihrem Ableben nicht vorhersehbar war. 

Nun bin ich selbst Mutter und alles hat sich verändert. Die Mutterschaft ist eine Urgewalt, die einen erschlagen kann. Man kann nicht mehr in das vorherige Leben zurück und man wird so viel verletzlicher auf der einen und doch so viel stärker auf der anderen Seite. 

Es ist verrückt, aber durch die Geburt wurde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit bewusst: Man rückt die Lebensleiter nach oben und ersetzt Stück für Stück die ältere Generation, zu der man selbst wird, während die vertrauten und lieben Menschen um uns herum früher oder später wegbrechen. Meine Mutter wurde Großmutter, ich selbst wurde Mutter und verließ diese privilegierte Ausschließlichkeitsrolle der Tochter zu einer so viel verantwortungsvolleren Aufgabe. Mutter sein, kann man das? Lernt man das? Ist es in uns verankert? 


Darauf habe ich keine Antwort, doch ich glaube, dass es unterschiedlich starke Ausprägungen von Muttergefühlen geben kann. 

Liebe, dieses Wort wird so oft inflationär benutzt. Ein bedeutsames Wort, häufig missbraucht für Trivialitäten. Aber es ist genau dieses Wort, das in meinen Augen seine Vollendung findet in der Partner- und Elternschaft. Und während sich Beziehungen verändern und wandeln, so bleibt diese Liebe zu deinem Kind unberührt, nein sie wird gar stärker und stärker mit jedem Tag deines Lebens. 

Ich denke oft an meine Mutter und frage mich wie sie es selbst empfand Mutter zu werden, ob sie wohl auch die gleichen Gedanken und Gefühle hatte, sich manchmal müde und überfordert fühlte und doch so voller Liebe war. Eigentlich brauche ich sie das nicht mehr fragen, weil ich es tief in meinem Herzen weiß. Jede Mutter hat schwache und starke Momente. Aber diese Endgültigkeit, sie nie wieder um Rat und um eine Meinung bitten zu können, das macht mich traurig. 

Als Kind habe ich oft meinen Kopf auf ihren Schoß gelegt und sie streichelte mir über mein Haar. Das spendete mir Trost und Zuversicht, gab mir das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Manchmal sehne ich mich nach diesen Gesten zurück und es bestürtzt mich, dass ich sie von meiner Mama nicht mehr erhalten werde.

Nun kann man meinen, mit Mitte/Ende 30 da sollte man in der Lage sein, das Leben alleine zu bewältigen. Ja, ich stehe meinen Mann bzw. meine Frau Tag täglich. Das habe ich schon sehr früh getan, denn als junge Erwachsene wollte ich mich sehr rasch von zuhause abnabeln und meine eigenen Wege gehen. Und dennoch bin ich traurig, keine Mutter mehr zu haben. Ich bin unendlich verletzt, dass meine Tochter nur noch eine Oma hat und meine Mutter nie richtig kennenlernen konnte. 

Geburt und Tod sind Urgewalten des Lebens, die uns unwiderruflich verändern. (BerlinMitteMom hat dazu einen eindrücklichen Artikel verfasst, den ich euch sehr ans Herz lege). Es gibt kein Zurück. Nur ein Vorwärtsschauen und Weitergehen.

Es sind Grenzerfahrungen, die uns ein Mal mehr vergegenwärtigen, wie kostbar das Leben ist. Kostbar aber auch unglaublich schmerzhaft, wäre da die Liebe nicht. Ja, wäre da die Liebe nicht, fühlten wir vielleicht auch nicht solchen Schmerz. Und so gehen sie Hand in Hand diese zwei gegensätzlichen Gefühle, die ohne einander nicht sein können. 

Liebe tut manchmal weh, doch auch durch den Schmerz fühlen wir uns lebendig.

Alles Liebe

Eure Anna



Kommentare:

  1. Ach, Anna, ich hatte direkt einen Kloß im Hals beim Lesen. Fühl dich dolle gedrückt! ((())) ich kenne diese Gefühle sehr gut. Ich vermisse immer noch schmerzlich meine Großeltern, die meine Kindheit sehr geprägt haben mit ihrer liebevollen Zuwendung.
    Immerhin durften wir solch starke Liebe erfahren! Liebste Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, meine liebe Nätty. Wie Recht du hast, wir sind gesegnet, dass wir all diese Liebe überhaupt erfahren durften. Alles Liebe, Anna

      Löschen
  2. Ich mag solche Texte, die kein weichgespültes Happy End haben, sondern die Realität so zeigen, wie sie eben ist: schön und schmerzhaft, leicht und anstrengend, fröhlich und traurig.
    Weißt Du, mir hat man früher manchmal gesagt, dass mir meine eigene Sterblichkeit nicht mehr solche Angst einjagen wird, wenn ich selbst Kinder habe (ich habe schon seit meinen Zwanzigern große Angst vor'm Tod, teilweise mit Panikattacken nachts). Es hat nicht gestimmt, im Gegenteil, wie Du schreibst, man rückt auf der Lebensleiter nach oben und die vorherige Generation stirbt weg (meine Schwiegereltern leben z.B. auch nicht mehr). Es fühlt sich also keinesfalls besser an, nun, da ich Kinder habe und in ihnen "weiterlebe". Es fühlt sich schlimm an, dass die Hälfte meines Lebens schon herum ist. Aber so ist es eben, man kann es nur bis zu einem gewissen Grad verdrängen, aber meine Kinder erinnern mich durch ihre reine Existenz jeden Tag daran, wie ich altere. Vielleicht sollte ich mal darüber bloggen, fällt mir gerade so auf;-)
    Ich drücke Dich wegen des Schmerzes um Deine Mama!
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Frühlingskindermama, danke für deine so lieben Worte! Ich empfinde ähnlich wie Du: Ich habe durch die Mutterschaft nicht minder Angst vor dem Tod. Ganz im Gegenteil, da ich eine Verantwortug für mein Kind habe, möchte ich so lange es geht an ihrer Seite sein, sie aufachsen sehen, ihre Freuden und Erfolge mit ihr feiern, aber auch ihr Fels in der Brandung sein, wenn es ihr nicht so gut geht...Ein echt schwieriges und unangenehmens Thema mit dem man sich nicht gerne auseinandersetzt...Wirklich einen Blogbeitrag wert :-). Ich drücke dich fest!

      Löschen