Ko(h)llateralschäden

Montag, Juli 03, 2017


Er war ein großer Mann. Er schrieb Geschichte. Unsere Geschichte. Der Traum nach Einheit, nach Freiheit wurde Wirklichkeit. Wir haben ihm viel zu verdanken, dass unsere Kinder in einem vereinten, demokratischen Deutschland aufwachsen dürfen, ist vornehmlich sein Verdienst.  Sein Tod bewegte Menschen, mit ihm verabschiedete sich eine Ära. 

Und dennoch scheinen in seinem Leben Einheit und Harmonie nicht immer vorgeherrscht zu haben. Das Verhältnis zu seinen Kindern war angespannt. Aber das kommt bekanntlich in den besten Familien vor, nicht wahr? Die Bilderbuchfamilien exisiterien eben nicht. Irgendwo gibt es immer Streitigkeiten, Missverständnisse, Reibereien. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Ich möchte mir nicht anmaßen, ein Urteil über Kohls Familienverhältnisse zu fällen. Das steht mir nicht zu. Medien berichten und verfälschen, als Außenstehender kann und darf man das nicht beurteilen. 

Was mich allerdings zutiefst geschockt hat, waren die Bilder seines Sohnes vor einigen Tagen, der nicht Abschied von seinem Vater nehmen durfte, der vor seinem Elternhaus vor verschlossenen Türen stand, wie ein Fremder von der Polizei auf Geheiß der Witwe abgewiesen wurde. 

Es ist skandalös. Es ist nicht gerecht. Und es macht micht traurig und wütend zugleich.

Große Staatsmänner und Weggefährten machten erst in Straßburg und dann im Speyrer Dom unserem Altkanzler ihre Honorationen, meine Stadt war in Aufruher, der große Staatsakt wurde minutiös geplant und vorbereitet. Und während die Maschienerie der Ehrungen und Inszenierungen mit großem Medienecho seinen Lauf nahm, wurde indes den Kindern und Enkeln das Abschiednehmen verwehrt. 

Nicht das Abschiednehmen von dem großen Politiker und dem revoultionären Staatsmann, nein, viel wichtiger, das Abschiednehmen vom eigenen Vater und Großvater, das Abschiednehmen von einem maßgeblichen Teil der eigenen Biografie, der eigenen Identität. 

Kohl schrieb Geschichte und veränderte das Leben vieler. Im Leben seiner Kinder wird womöglich immer diese Bitterkeit bleiben, dass ihre eigene Vergangenheit mit ihrem Vater auf der Strecke blieb. Das Resentiment nicht abzuschließen zu können um Frieden zu finden. 

Man muss kein Christ sein, um zu begreifen, dass der Tod alles verändert, dass vieles hinfällig wird. Denn was ist es für ein Leben, wenn Versöhnung nicht einmal im Angesicht des Todes möglich ist? Auf was können wir denn dann überhaupt noch hoffen?

Der Tod hinterlässt seine Spuren, oft irreparable Schäden, dessen Trümmer erst langsam und mühselig beiseitigt werden müssen. Dazu bedarf es Kraft, dazu bedarf es Mut, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen. 

Es ist zu hoffen, dass Kohls Söhne trotz widerer Umstände ihren Frieden mit ihrem Vater, mit ihrer Geschichte, machen können. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

Denn eine Zukunft ist nur mit Bewältigung der Vergangenheit möglich. 

Alle Liebe 

Anna



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