Die Sache mit dem Schicksal

Dienstag, September 05, 2017


© Gemälde und Foto Roberto Pagnani

Wir alle denken, das passiert uns nicht, das trifft nur die anderen. Wenn wir dann von traurigen Schicksalschlägen und ergreifenden Geschichten hören, dann fühlen wir uns betroffen und vielleicht auch etwas erleichtert, dass wir nicht diejenigen sind, die... 
Schicksalsschläge können ganz schön hart sein. Sie können uns ins Wanken bringen, uns straucheln lassen, uns in die Knie zwingen oder uns gar zu Boden werfen. 

Ich habe in den letzten Jahren viel nachgedacht, warum uns einige Dinge widerfahren sind, auch so manches, was hier auf dem Blog keine Bühne geboten werden soll. 
Gahadert habe ich mit unserem Schicksal. Die schwere Krankheit meiner Mutter, die komplizierte Geburt unserer Tochter, der plötzliche Tod meiner Mama: Mit einem Schlag hatte ich keine Mutter mehr und meine Tochter keine Oma. Das sitzt tief, das verändert die Sicht auf die Dinge. Die Floskel: Anderen geht es viel schlechter als uns oder dir, war mir nie ein Trost. Warum sollte es denn auch sein, ich wünsche niemanden Schlechtes. Ich habe lange getrauert und immer wieder kommt der Schmerz hoch. Manchmal ganz suptil, wie ein Stich einer dünnen Klinge, manchmal taub und dumpf. 

Doch in den letzten Wochen da hat sich in mir irgendwie ein Schalter umgelegt. So als hätte ich plötzlich wieder klare Sicht, den Blick frei für das was ist. Mir wurde klar, dass ich eigentlich kein Recht habe mich hinter der Trauer zu verschanzen. Natürlich ist das alles nicht schön, natürlich werde ich meine Mama immer vermissen und im Herzen tragen und ja, die Krankheit, der Tod, das war alles kein Spaziergang und hinterlässt Bitterkeit. 
Aber mir ist bewusst geworden, dass dieser Teil meiner Geschichte nicht die Überhand über mein Leben gewinnen darf. 


Plötzlich habe ich erkannt, dass JEDER und zwar wirklich JEDER mit irgendetwas hadert. Sei es, dass der Mann fremdgeht oder -schlimmer noch- verstorben ist, dass man plötzlich alleinerziehend ist, dass man mit seinem Äußeren unzufrieden ist oder mit den Kilos kämpft, sei es dass man ein oder mehrere Kinder zu Grabe tragen musste oder kinderlos ist, verschuldet ist, keinen Job hat, oder die Last des Alleinversorgers tragen muss. Vielleicht ist man auch in einem Job gefangen, der einen unglücklich macht, es gibt so vieles was belasten kann. Und dennoch muss es weiter gehen. Für jeden ist seine Last schwer genug, was dem einen ein Kieselstein ist, ist dem anderen ein Felsbrocken. 

Wir können nicht hineinsehen in die Menschen, aber ich sehe immer wieder jene, die wirklich starke Schläge erlitten haben, die mir die Tränen in die Augen treiben, und die es dennoch schaffen wieder aufzustehen, weiterzumachen, den Lebensmut nicht zu verlieren. 

Auch unsere Zeit läuft ab und wir müssen das beste daraus machen und die schönsten Seiten zelebrieren. Die Feste feiern wie sie fallen. 

Schmerz und Angst dürfen nicht Besitz von uns ergreifen. Das bedeutet nicht, dass man nicht trauern darf, dass man keine Wut empfinden soll, ganz im Gegenteil: Ja, man darf weinen und toben, sich grämen und niedergeschlagen sein. Das sind alles wichtige Prozesse in der Verarbeitung. Aber man MUSS sich auch wieder fangen. Das ist man sich selbst schuldig. Wir sind noch da, wir, mit all unseren Gefühlen. Unser Leben ist so vielschichtig und hat doch auch so wunderschönes zu bieten. Und so wie jeder seine Last selbst gewichten muss, so muss jeder die Schönheit in seinem Leben auch selbst definieren und sie finden. 

Wir selbst sind die Schöpfer unserer Leinwand. Diese mag vielleicht Risse und Löcher bekommen, dennoch können wir sie selbst gestalten.

Die Trauer darf gehen. Wir sind lange genug einen Teil des Weges gegangen. Nun ist es Zeit für Neues. 



Kommentare:

  1. Huhu!

    Ich bin auch der Meinung, dass jeder selbst anders mit den Problemen umgeht und niemand darüber werten sollte ob es wirklich schlimm ist oder nicht. Manchmal nennt man es dann "Luxusprobleme", aber es beschäftigt einen und macht einen traurig, depressiv oder dergleichen.

    Mein Lieblingssänger ist erst gestorben und, auch wenn ich es nie gedacht hätte, hat mich das zutiefst erwischt. Nie hätte ich erwartet, dass mich der Tod eines Stars dermaßen aus der Bahn wirft. Aber er war 18 Jahre lang mein Begleiter und jetzt ist er weg.

    Oft höre ich auch, wenn ich etwas von meinem Leben erzähle: "Was hast du alles erlebt? Das ist ja gruslig!" aber eigentlich empfinde ich es nicht so. Natürlich waren es nie wirklich schöne Sachen, aber ich habe es überstanden und bin zu dem Menschen geworden, der ich jetzt bin.

    Ich lese gerade ein Buch von Stephen King und da ging es um eine Frau die ihr Kind in einem Feuer verloren hat. Auf der Beerdigung ihrer Mutter trifft sie ihre Tante. Diese sagt ihr, dass sie Trauern darf, dass sie auch gern wegrennen darf. Aber irgendwann wird sie begreifen, dass SIE noch lebt und dann geht ihr Leben weiter.

    LG
    Bammy

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    1. Das trifft es auf den Punkt: wir sind noch hier, wir leben weiter. Daraus sollten wr das beste machen. Das sind wir uns selbst schudig. Eine feste Umarmung!

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  2. Zu wissen, dass ein Jeder sein mehr oder weniger schweres "Päckchen" zu tragen hat ist auf eine Weise auch erleichternd. Mit diesem Wissen geht man ganz anders mit seinem "Schicksal", was auch immer es sein mag, um. Und merkt, dass auch die Schattenseiten zum Leben dazugehören und dass man ihnrn entgegentreten muss. Natürlich sollte man differenzieren zwischen einem "harten Los" und "einfacher" Unzufriedenheit. Das Wichtige ist jedoch, dass man das Leben an sich als lebenswert empfindet und sich, wie Du selbst schreibst, nicht hinter den Schattenseiten verstecken sollte.
    Schöner Artikel!
    Alles Liebe!
    Claudia

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    1. Dankeschön :-). Einmal sagte mal jemand zu mir, dass jeder nur so viel Last erhält, wie er auch aushalten kann. Ehrlich gessagt,glaube ich das nicht. Manchmal ist das Leben sehr unfair. Oft denke ich es, sowohl bei Menschen, die mir Nahe stehen als auch bei völlig Unbekannten, die nur eine Zeitungsnotiz wert sind. Manche Schicksale tun weh. Sehr weh. Wir wissen nicht, warum manche schlimme Dinge geschehen. Aber keiner ist davor gefeit. Jeder trägt eine Last, diese muss nicht immer mit Tod und Krankheit zusammenhängen. Wir sollten das Beste aus unserem Leben machen, denn dem Schlechten die Oberhand zu lassen, ist eine Vergeudung der schönen Seiten. Man darf diese nicht vergessen. Sie machen doch unser Leben lebenswert. Und auch wenn es jetzt furchtbar kitschig klingt: Die Liebe heilt. Vielleicht nicht allles. Aber vieles. Eine feste Umarmung!

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