Throwback: Ein Tag in der Vergangenheit

Dienstag, September 12, 2017



2001: Ich, 21 Jahre alt. Drittes Semester Kunstgeschichte, Heidelberg, absolviere gerade ein sechswöchiges Praktikum am Deutschen Filmmuseum in Frankfurt. Das Praktikum ist nett, aber nicht sonderlich herausfordernd. Die laufende Ausstellung befasst sich mit Audrey Hepburns Kleidern und Schuhen. Alles ist vom Modezaren Ferragamo aus den 50ern gelabelt. Irgendwie ist das ganze nicht rund. Aber ich bin ja nur eine kleine Studentin. 
Manchmal darf ich auch Anfragen von Besuchern beantworten. Emailverkehr ist damals noch nicht so etabliert. Das Publikum ist eher analog, schreiblustig und telefonfaul. Die Post trägt täglich tausende Briefe aus. Echte Briefe. Handgeschriebene, getippte. 

Mein Vorgesetzter ist super locker. Ein echt cooler Typ. Alternativ. Ich mag unkomplizierte Menschen.
Er lässt mich den Nachlass von Hans Fischkoesen sichten und ordnen. Endlich etwas mit Hand und Fuß. Ich mag das sehr. Es kommt die Frage auf, ob ich nicht Interesse habe, den Nachlass im Rahmen einer Magisterarbeit zu bearbeiten. Das klingt gut, ist aber natürlich noch viel, viel zu früh um sich festzulegen. 

Jahre später verfasse ich meine Arbeit über mittelalterliche Fußbodenmosaike. Ganz andere Baustelle. Ja, das mag ich ich an der Kunst, sie ist ein weites Feld, ein sehr weites Feld. Wie das Leben auch.

Zurück zu meinem Praktikum. Von Montag bis Freitag pendle ich jeden Tag von Heidelberg nach Frankfurt und bin am Ende des Tages ziemlich platt. Um 7 Uhr verlasse ich die Wohnung und betrete sie erst wieder um 20 Uhr. Die Pendelei finde ich anstrengender als das Praktikum selbst.

Es ist dieses aufregende "die Welt steht mir offen" Gefühl. Wenn die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, drehe ich die Musik auf. Alles ist möglich, alles kann, nichts muss. Und so pendle ich von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof und von Wochenend-Party zu Wochenend-Party; es scheint eine Endlosschleife. 

Im Fischers - dem damals "besten Club der Welt" - schaue ich mir die zukünftigen Juristen an und weiß, so will ich niemals sein. Altbacken mit Perlenkettchen die Frauen, die Männer arrogante Aufschneider mit ihren rosa Ralph Lauren Polo-Hemden. Ich weiß  nicht viel, aber eins ganz sicher: Ich werde niemals zu diesen Spießern mutieren. Niemals. Klischees wohin das Auge blickt.

Ich bin da kein Deut besser: Die etwas alternativ angehauchte Weltverbesserin mit ihren Ethno-Schmuck und den langen Haaren, die glaubt, den Durchblick zu haben. Das glauben wir alle damals. Und so nippen die coolen angehenden Juristen an ihrem Bier, während wir uns insgeheim über sie lustig machen und hemmungslos im Takt auf der Tanzfläche der Welt trotzen.


Es ist der 11. September. Ich habe den ganzen Tag konzentriert im Archiv gearbeitet. Akten gesichtet, Skizzen sortiert und inventarisiert. Abgeschottet. Aber genau so muss es sein; ich brauche diese absolute Stille. 

Als ich den Heimweg antrete, bin ich ziemlich in Eile, denn ich bin etwas spät dran und möchte meinen Zug nicht verpassen. Ich stürme in Richtung Bahngleis. Eine Menschentraube hat sich vor den Monitoren am Bahnhof  gebildet, so dass ich Mühe habe mich durchzuschlängeln. 
Mir fällt auf, dass es auf dem sonst so lauten Bahnhof ziemlich ruhig ist. Es herrscht Stille, alle starren gebannt auf die Leinwand. Ich sehe die Bilder von dem ersten Flugzeug, das in den Turm kracht und verstehe nicht, was da gerade vor sich geht. Ich hechte zum Zug. Meine Mitpassagiere scheinen auch nichts mitbekommen zu haben. Sie lesen, unterhalten sich oder schauen aus dem Fenster. Erst die Durchsage des Zugführers lässt erahnen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Die Ereignisse in den USA seien erschütternd, man wisse aber nichts genaues, man würde uns auf dem Laufenden halten. Noch immer weiß ich nicht, was vorgefallen ist. 

Als ich endlich die Wohnungstür öffne, schalte ich sofort den Fernseher ein. In Dauerschleife sehe ich die Bilder: Die Flugzeuge, das Einstürzen der Türme. Ich lasse mich auf die Couch fallen und bin erschüttert. Alleine - Meine Eltern im Urlaub, meine Freunde zuhause (da Semesterferien). Stille und Fassungslosigkeit geben sich abwechselnd die Klinke in die Hand.

Und plötzlich bekommt das Leben Risse, mir wird klar, dass ich bisher in einer rosa Blase gelebt habe, wir alle haben das: Die Idealisten, die Jura-Studenten, die Freaks, die Tussis, die Spießer und die Bwl-er, für die auch noch nie viel übrig hatte - bis ich drei Jahre später meinen Mann kennenlerne. 

Und so pulsiert das Leben weiter. 9/11 prägt eine neue Ära, die bis heute anhält und leider Alltag geworden ist. 

Heute 2017: Angekommen in der Realität: Spagat zwischen Familie, Zweitstudium, Erwartungen, Verpflichtungen, immer noch Träumen und immer noch Hoffnungen. Mit dem Wissen, dass die Welt sich wandelt im Guten wie im Schlechten und dennoch vieles beim Alten bleibt: 

Denn ja, es gibt sie immer noch die arroganten Juristen und die Alternativen, die Naiven, die Freaks, die Vorurteile, die Flows, die Tiefs und die Hochs. 

Innerlich muss ich lächeln, es ist ok. Es ist ihr Moment, morgen wird schon nicht mehr sein. Erkenntnis kommt irgendwann: Ob heute oder morgen, Hauptsache sie kommt.




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